Hinweis: In diesem Artikel geht es unter anderem um Mobbing, Leistungsdruck und eine möglicherweise lange unerkannte ADHS.
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, sehe ich keinen durchgehenden Film. Es sind eher einzelne Bilder, Sätze und Situationen, die plötzlich wieder auftauchen. Manche bringen mich zum Lächeln. Andere machen mich noch heute traurig oder wütend. Und einige verstehe ich erst jetzt, mit vielen Jahren Abstand.
Dieser Artikel ist mein Beitrag zu gleich zwei Blogparaden: Nicole Gerbatsch fragt in ihrer Blogparade „Wie meine Schulzeit mich geprägt hat“ danach, welche Erfahrungen bis heute unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Nicole Schrempf sammelt unter dem Titel „Blitzlicht-Gedanken: meine Schulzeit“ genau jene einzelnen Szenen, die sich in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Wir nehmen alle an Judith Peters’ große Aktion „50+ Blogparaden im Sommer 2026“ teil. Wenn du wissen möchtest was eine Blogparade ist dann schau doch gerne hier nach: https://judithpeters.de/blogparade-starten/
Beides passt zu meinen Erinnerungen. Denn meine Schulzeit war eine Mischung aus schönen Erfolgsmomenten, enttäuschten Erwartungen, Selbstzweifeln, Umwegen und der späten Erkenntnis, dass schlechte Noten nicht automatisch bedeuten, dass ein Mensch nicht lernen kann.
Blitzlicht 1: Ich war richtig schnell
Aus meiner Grundschulzeit ist mir vor allem eines in Erinnerung geblieben: Ich konnte unglaublich schnell sprinten.
Deshalb trat ich gemeinsam mit anderen Kindern aus meiner Klasse bei Staffelläufen an. In der ersten Klasse wurden wir Sechste, in der zweiten Klasse Vierte und in der dritten Klasse Zweite. Rein rechnerisch hätten wir in der vierten Klasse wohl „Nullte“ werden müssen. Stattdessen wurden wir Erste.
An diese Entwicklung erinnere ich mich bis heute gerne. Vielleicht, weil sie mir zeigte, wie viel man gemeinsam erreichen kann. Vielleicht auch, weil Sport einer der Bereiche war, in denen ich nicht lange darüber nachdenken musste, ob ich gut genug war. Ich lief einfach los.
Ich musste keine komplizierten Regeln verstehen und keine seitenlangen Texte auswendig lernen. Ich musste nur rennen, mein Bestes geben und den Staffelstab weiterreichen.
Es war ein Gefühl von Freiheit. Und ein Gefühl von: Das kann ich.
Leider gab es während meiner späteren Schulzeit deutlich mehr Momente, in denen ich genau dieses Gefühl verlor.
Blitzlicht 2: Plötzlich war ich allein
Ich besuchte eine relativ kleine, ländliche Grundschule. Nach der vierten Klasse wechselte ich als Einzige aus meinem damaligen Freundeskreis auf ein Gymnasium in der Stadt.
Dort war alles anders.
Die Mädchen in meiner neuen Klasse tickten anders als meine Freundinnen aus der Grundschule. Ich fand keinen richtigen Anschluss. Teilweise wurde ich ignoriert, teilweise gemobbt. Ich hatte niemanden aus meiner alten Klasse an meiner Seite und fühlte mich ziemlich allein.
Heute weiß ich, wie verletzend soziale Ausgrenzung sein kann. Besonders in einem Alter, in dem man noch gar nicht genau weiß, wer man ist. Man beginnt schnell, die Schuld bei sich selbst zu suchen.
Bin ich zu still? Bin ich langweilig? Sehe ich komisch aus? Sage ich die falschen Dinge? Warum möchten die anderen nichts mit mir zu tun haben?
Zum Glück zogen wir später um und ich wechselte auf ein ländlicheres Gymnasium. Dort fühlte ich mich wohler. Aber mein Selbstbewusstsein hatte bereits einen gewaltigen Knacks bekommen.
Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit einem Schulwechsel. Das Misstrauen bleibt. Die Angst vor Ablehnung bleibt. Und auch der Gedanke, vielleicht grundsätzlich nicht dazuzugehören, begleitet einen weiter.
Erst gegen Ende meiner Schulzeit, als ich meinen späteren Mann kennenlernte, wurde ich langsam selbstbewusster. Durch ihn erlebte ich, dass jemand mich so mögen konnte, wie ich war. Das löste natürlich nicht sofort alle Unsicherheiten auf. Aber es war ein Anfang.
Blitzlicht 3: Meine große Vorfreude auf Astronomie
In der sechsten oder siebten Klasse hatten wir ein Jahr lang Astronomieunterricht. Ich hatte mich riesig darauf gefreut.
Schon vorher hatte ich viele Bücher über Sterne, Planeten und das Universum verschlungen. Astronomie faszinierte mich. Endlich, so dachte ich, würde ein Fach kommen, in dem ich glänzen konnte. Ein Fach, für das ich nicht erst mühsam Interesse entwickeln musste, weil die Begeisterung längst da war.
Dann traf meine Vorfreude auf die Realität.
Wir bekamen einen Lehrer, der auf mich vollkommen demotiviert wirkte und offenbar mit großen eigenen Problemen zu kämpfen hatte. Damals hatte ich den Eindruck, dass auch Alkohol dabei eine Rolle spielte. Der Unterricht war jedenfalls alles andere als das, was ich mir erhofft hatte.
Ich war am Boden zerstört.
Natürlich hätte ich mich weiterhin selbstständig mit Astronomie beschäftigen können. Trotzdem machte es einen Unterschied, wie dieses Fach in der Schule vermittelt wurde. Meine Begeisterung wurde nicht aufgegriffen oder verstärkt. Sie verpuffte.
Heute finde ich diesen Gedanken besonders traurig: Da sitzt ein Kind im Unterricht, das für ein Thema brennt und unbedingt mehr erfahren möchte. Und statt dass dieses Feuer genährt wird, geht es langsam aus.
Lehrkräfte können Interessen wecken. Sie können sie aber leider auch ersticken.
Blitzlicht 4: Englisch und der ständige Eindruck, hinterherzuhinken
In der fünften Klasse war ich eine der wenigen Schülerinnen und Schüler, die vorher noch keinen Englischunterricht gehabt hatten.
Offenbar befand sich das Schulsystem damals gerade in einer Übergangsphase. Einige Grundschulen boten Englisch bereits ab der dritten oder vierten Klasse an, andere noch nicht. Meine Schule gehörte zur zweiten Gruppe.
Während manche Kinder bereits erste Wörter und einfache Sätze kannten, begann ich bei null. Dadurch hatte ich von Anfang an den Eindruck, hinterherzuhinken.
Hinzu kam, dass ich fast jedes Jahr eine andere Englischlehrerin oder einen anderen Englischlehrer hatte. Jede Lehrkraft setzte andere Schwerpunkte, erklärte anders und erwartete etwas anderes. Für mich entstand keine Kontinuität.
Ich wurde während meiner Schulzeit nie wirklich warm mit der englischen Sprache.
Vielleicht fehlte mir nicht nur Vorwissen, sondern auch eine gute Strategie. Niemand zeigte mir, wie ich Vokabeln so lernen konnte, dass sie wirklich hängen blieben. Niemand erklärte mir, welcher Lerntyp ich sein könnte oder wie wichtig Wiederholungen, Bilder, Geschichten und verschiedene Sinne beim Lernen sind.
Stattdessen entstand nach und nach ein Glaubenssatz, der mich lange begleitete:
Ich kann keine Sprachen.
Um mein Abitur trotzdem zu schaffen, versuchte ich, meine Englischnoten mit besseren Leistungen in Mathematik und Deutsch auszugleichen.
Heute nutze ich Duolingo, um zumindest ein wenig mit Englisch in Kontakt zu bleiben. Englische Kundinnen oder Kunden habe ich bisher nicht. Ein Teil von mir findet das schade. Ein anderer Teil ist erleichtert, weil es mich vermutlich sehr stressen würde, längere Gespräche auf Englisch führen zu müssen.
Ich glaube nicht mehr, dass ich Englisch grundsätzlich nicht lernen kann. Aber ich weiß, dass es Zeit, Geduld und viele positive Erfahrungen bräuchte, bis ich mich mit der Sprache wirklich wohlfühlen würde.
Blitzlicht 5: Warum werden eigentlich nur die Besten geehrt?
Bei meiner Abiturfeier wurden die besten Schülerinnen und Schüler besonders geehrt.
Ich verstehe den Gedanken dahinter. Gute Leistungen dürfen anerkannt werden. Trotzdem hat es sich für mich damals ungerecht angefühlt.
Denn auch ich hatte mein Bestes gegeben.
Ich hatte gebüffelt, gepaukt und einen großen Teil meiner Freizeit geopfert. Lernen fiel mir jedoch nicht so leicht wie anderen. Heute vermute ich, dass dabei eine damals unerkannte ADHS eine Rolle gespielt haben könnte. Eine entsprechende Diagnose hatte ich während meiner Schulzeit nicht. Deshalb gab es weder besondere Unterstützung noch eine Erklärung dafür, warum ich mich trotz großer Anstrengung oft so schlecht konzentrieren konnte.
Von außen war am Ende nur die Note sichtbar.
Nicht sichtbar waren die Stunden am Schreibtisch. Nicht sichtbar waren die Verzweiflung, die Erschöpfung und die Angst, es nicht zu schaffen. Nicht sichtbar war, wie viel Kraft mich ein Ergebnis kostete, das für andere vielleicht durchschnittlich wirkte.
Ich finde bis heute, dass Schulen nicht nur die höchsten Noten würdigen sollten. Auch Entwicklung, Durchhaltevermögen, Mut, Hilfsbereitschaft und das Überwinden persönlicher Hürden verdienen Anerkennung.
Manche Menschen erreichen mit scheinbarer Leichtigkeit eine Eins. Andere kämpfen monatelang für eine Drei. Welche dieser Leistungen war größer?
Das lässt sich an einer Zahl allein nicht erkennen.
Blitzlicht 6: Wäre ein anderer Schulweg besser für mich gewesen?
Rückblickend frage ich mich manchmal, ob eine Realschule zunächst der passendere Weg für mich gewesen wäre.
Nicht, weil ich grundsätzlich nicht für das Gymnasium geeignet gewesen wäre. Sondern weil die hohen Anforderungen, der ständige Vergleich und die wenigen Erfolgserlebnisse mein Selbstbewusstsein immer weiter nach unten zogen.
Vielleicht hätte ich auf einer anderen Schulform schneller erlebt, dass ich etwas kann. Vielleicht hätte ich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten entwickelt. Und vielleicht wäre mir dadurch später sogar manches leichter gefallen.
Damals wirkte das Gymnasium häufig wie der einzig „richtige“ Weg. Heute sehe ich das anders. Bildungswege müssen nicht geradlinig sein. Man kann Abschlüsse nachholen, sich weiterbilden, eine Ausbildung machen oder später studieren.
Mein Mann ist beispielsweise über die Realschule und weitere Stationen zur Hochschulreife gekommen. Sein Weg war anders, aber keineswegs schlechter.
Auch bei der Wahl zwischen Universität und Fachhochschule gibt es für mich kein pauschales Richtig oder Falsch. Ich persönlich habe das praxisnahe Lernen an einer Fachhochschule als sehr hilfreich erlebt. Andere Menschen fühlen sich mit der stärker theoretischen und wissenschaftlichen Ausrichtung einer Universität wohler.
Entscheidend ist nicht, welcher Weg auf dem Papier am angesehensten erscheint. Entscheidend ist, welcher Weg zu dem Menschen passt, der ihn gehen soll.
Blitzlicht 7: Informatik war für mich ein Buch mit sieben Siegeln
In der Schule war Informatik für mich lange ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich hatte zwei Lehrerinnen, bei denen ich mich im Unterricht immer weniger traute, Fragen zu stellen. Aus meiner Sicht wurden teilweise Inhalte vermittelt, die schon damals nicht mehr zeitgemäß wirkten. Wir bauten beispielsweise Webseiten mit Tabellenlayouts auf.
Noch schwieriger war für mich jedoch, dass sich der Unterricht stark an den besten Schülern orientierte. Wenn die beiden leistungsstärksten Schüler etwas verstanden hatten, schien die Sache erledigt zu sein.
Ich hatte häufig noch Fragen. Aber irgendwann wurde ich kaum noch drangenommen.
Dadurch entstand in meinem Kopf eine klare Botschaft: Du verstehst Informatik nicht. Das ist nichts für dich.
Ironischerweise lernte ich meinen späteren Mann nur etwa ein Jahr zu spät kennen. Er kennt sich nicht nur sehr gut mit Informatik aus, sondern kann sie auch verständlich erklären. Bei ihm erlebte ich später, dass komplexe Themen plötzlich logisch werden können, wenn jemand geduldig erklärt und verschiedene Wege ausprobiert.
Meine negativen Schulerfahrungen beeinflussten meinen Berufsweg stark. Nach meinem eher mäßigen Abitur war für mich klar: Mit Informatik möchte ich definitiv nichts machen.
Also begann ich eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.
Blitzlicht 8: Der Umweg, der keiner war
Nach meiner Ausbildung arbeitete ich etwa eineinhalb Jahre als Physiotherapeutin. Danach begann ich ein Studium der Medieninformatik an einer Fachhochschule und schloss es erfolgreich ab.
Ausgerechnet Informatik.
Das Fach, von dem ich nach der Schule überzeugt gewesen war, dass ich es nicht könnte.
Lange sah mein Berufsweg für mich wie eine Odyssee aus. Erst Physiotherapie, dann Medieninformatik. Heute betrachte ich ihn anders.
Die Ausbildung zur Physiotherapeutin war gerade für mich als introvertierten Menschen eine große Herausforderung. Ich musste auf fremde Menschen zugehen, Gespräche führen, Behandlungen erklären und Verantwortung übernehmen. Das war anstrengend, stärkte aber zugleich mein Selbstbewusstsein.
Außerdem lernte ich viel über den menschlichen Körper und darüber, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet. Diese Erkenntnisse halfen mir später enorm im Studium.
Die Ausbildung war also kein nutzloser Umweg. Sie gab mir Fähigkeiten mit, die ich auf einem geraden Weg vielleicht nie entwickelt hätte.
Heute glaube ich: Nicht jede Abzweigung bedeutet, dass wir uns verlaufen haben. Manche Umwege führen uns genau zu den Erfahrungen, die wir später brauchen.
Blitzlicht 9: Plötzlich verstand ich Mathematik
In der Oberstufe verstand ich nie richtig, wie ich eine Kurvendiskussion mit dem großen Taschenrechner umsetzen sollte.
Ich drückte Tasten, folgte Anweisungen und hoffte, dass am Ende das richtige Ergebnis erschien. Wirklich verstanden hatte ich den Rechenweg jedoch nicht.
Im Medieninformatikstudium hatten wir ebenfalls Mathematik. Dort mussten wir viele Aufgaben ohne einen solchen Taschenrechner lösen. Wir rechneten Schritt für Schritt auf Papier.
Und plötzlich verstand ich es.
Vielleicht lag es daran, dass ich den gesamten Rechenweg selbst durchführen musste. Vielleicht half mir auch, dass ich das Thema aus der Schule bereits kannte und es nun zum zweiten Mal hörte. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.
Eine ähnliche Erfahrung machte ich im Physikunterricht. Vor den Ferien schrieb ich zu einem Thema eine Vier. Nach den Ferien wurde das gleiche Thema noch einmal aufgegriffen und ich schrieb eine Eins.
Diese Erlebnisse haben meine Sicht auf Lernen verändert.
Manchmal verstehen wir etwas nicht beim ersten Mal. Das bedeutet nicht, dass wir zu dumm dafür sind. Vielleicht brauchen wir eine andere Erklärung. Vielleicht fehlt eine Grundlage. Vielleicht benötigen wir mehr Zeit oder müssen eine Nacht darüber schlafen.
Oder vielleicht muss unser Gehirn den Stoff erst eine Weile sortieren, bevor plötzlich alles zusammenpasst.
Blitzlicht 10: Zwei Geografielehrerinnen, zwei völlig verschiedene Noten
In der siebten Klasse hatte ich eine ältere Geografielehrerin, die nach dem ersten Halbjahr in Rente ging. Bei ihr stand ich zum Halbjahr auf einer Fünf.
Dann kam eine neue, motivierte Lehrerin.
Sie erklärte anders, brachte Energie in den Unterricht und schaffte es, dass Geografie plötzlich Spaß machte. Innerhalb eines Halbjahres verbesserte ich mich von einer Fünf auf eine Drei.
Natürlich lag diese Veränderung nicht ausschließlich an den Lehrerinnen. Auch ich lernte und strengte mich an. Trotzdem zeigte mir diese Erfahrung sehr deutlich, welchen Unterschied guter Unterricht machen kann.
Eine Lehrkraft kann uns das Gefühl geben, unfähig zu sein. Eine andere kann beim gleichen Fach die Tür öffnen und sagen: Schau noch einmal hin. Vielleicht ist das doch etwas für dich.
Deshalb finde ich es problematisch, wenn Kinder und Jugendliche ihre späteren Berufsentscheidungen aufgrund einzelner schlechter Erfahrungen treffen. Wer in der Schule denkt, er sei schlecht in Mathematik, Informatik, Sprachen oder Naturwissenschaften, schließt möglicherweise ganze Berufsfelder für sich aus.
Dabei war vielleicht nie das Fach das Problem. Vielleicht passten nur die Erklärung, das Tempo oder die Beziehung zur Lehrkraft nicht.
Blitzlicht 11: Die Geschichte, die kreativ war
Eine besonders schöne Erinnerung verbinde ich mit dem Deutschunterricht.
Wir sollten eine Sage weiterschreiben. Meine Deutschlehrerin fand meinen Ansatz kreativ und lobte meine Geschichte.
Ich weiß nicht mehr jedes Detail meiner Erzählung. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an das Gefühl: Ich war stolz auf mich.
Diese Erinnerung ist deshalb so wichtig, weil ich gleichzeitig lange glaubte, kein Deutsch zu können.
Mein Vater schrieb früher häufig meine Aufsätze für mich. Als Kind fand ich das zunächst großartig. Ich bekam mit wenig eigener Anstrengung eine gute Note.
Doch gelernt habe ich dabei kaum etwas.
Heute hätte ich mir gewünscht, dass er mich anders unterstützt hätte. Zum Beispiel, indem er mich zuerst selbst schreiben lässt und anschließend gemeinsam mit mir den Text überarbeitet. Er hätte mir Fragen stellen, Fehler erklären und zeigen können, wie aus einem ersten Entwurf Schritt für Schritt ein besserer Text wird.
Seine Hilfe war sicher gut gemeint. Aber sie vermittelte mir ungewollt: Allein schaffst du das nicht.
Umso wertvoller war das Lob meiner Deutschlehrerin. Für einen kurzen Moment bekam ich eine andere Botschaft:
Du hast eigene Ideen. Du kannst kreativ sein. Deine Geschichte ist es wert, gelesen zu werden.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir Geschichten heute so viel bedeuten.
Blitzlicht 12: Die Glaubenssätze, die geblieben sind
„Ich kann keine Sprachen.“
„Ich kann kein Deutsch.“
„Ich bin schlecht im Lernen.“
Diese Sätze entstanden nicht an einem einzigen Tag. Sie wuchsen langsam aus vielen kleinen Situationen.
Aus schlechten Noten. Aus Vergleichen mit anderen. Aus Unterricht, bei dem ich nicht mitkam. Aus Fragen, die unbeantwortet blieben. Aus dem Gefühl, mich unglaublich anzustrengen und trotzdem nur mittelmäßige Ergebnisse zu erzielen.
Heute hinterfrage ich diese Glaubenssätze.
Kann ich wirklich keine Sprachen? Oder habe ich nie die passende Lernmethode gefunden?
Kann ich wirklich kein Deutsch? Oder musste ich erst lernen, meinen eigenen Gedanken und Formulierungen zu vertrauen?
Bin ich wirklich schlecht im Lernen? Oder brauchte mein Gehirn andere Bedingungen, mehr Wiederholungen, mehr Abwechslung und möglicherweise Unterstützung im Umgang mit einer ADHS?
Das sind große Unterschiede.
„Ich kann das nicht“ klingt endgültig.
„Ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich es am besten lerne“ öffnet dagegen eine Tür.
Blitzlicht 13: So lerne ich heute
Heute gehe ich anders mit dem Lernen um.
Ich probiere Dinge aus. Ich mache Fehler. Ich wiederhole Inhalte. Und ich versuche, mir die Freude am Entdecken nicht mehr von der Angst vor schlechten Ergebnissen nehmen zu lassen.
Dabei helfen mir einige Grundsätze:
Fast jeder Mensch kann sehr viel lernen, wenn Motivation, Unterstützung und Lernweg zusammenpassen.
Ich muss etwas nicht beim ersten Versuch perfekt beherrschen.
Wiederholen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Teil des Lernens.
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Besonders gut lerne ich, wenn ich möglichst viele Sinne einbeziehe. Ich spreche Inhalte laut aus, nehme mich dabei auf und höre sie später noch einmal an. Ich fasse das Wichtigste auf kleinen Zetteln zusammen. Manchmal erfinde ich ein Lied oder übertreibe einen Zusammenhang so sehr, dass ich darüber lachen muss.
Je ungewöhnlicher oder emotionaler etwas ist, desto besser kann ich es mir häufig merken.
Heute darf Lernen kreativ sein. Es muss nicht immer still, ernst und bewegungslos am Schreibtisch stattfinden.
Was ich mir vom Bildungssystem wünsche
Meine Erfahrungen haben auch meine Sicht auf unser Bildungssystem geprägt.
Ich wünsche mir eine Schule, die stärker berücksichtigt, dass Menschen unterschiedlich lernen. Manche brauchen Bilder, andere Bewegung. Manche verstehen etwas beim Zuhören, andere erst dann, wenn sie es selbst ausprobieren. Einige benötigen mehr Zeit oder häufigere Wiederholungen.
Ich wünsche mir außerdem, dass Kinder und Jugendliche mehr über Dinge lernen, die sie im späteren Alltag tatsächlich brauchen.
Wie erstelle ich ein realistisches Budget? Wie funktionieren Sparen, Investieren und Altersvorsorge? Welche Versicherungen sind sinnvoll? Wie führe ich einen Haushalt? Wie koche ich einfache Gerichte, nähe einen Knopf an oder repariere kleinere Dinge selbst?
Meine Eltern erzählten mir, dass einige dieser praktischen Fähigkeiten in ihrer Schulzeit in der DDR stärker vermittelt wurden. Natürlich war auch das damalige Bildungssystem nicht in jeder Hinsicht besser. Trotzdem finde ich den Gedanken richtig, junge Menschen nicht nur auf Prüfungen, sondern auch auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten.
Ebenso wichtig wären aus meiner Sicht Wissen über psychische Gesundheit, den Umgang mit Stress, Konfliktlösung und verschiedene Lernstrategien.
Denn was bringt es einem jungen Menschen, eine komplizierte Formel auswendig zu können, wenn er gleichzeitig glaubt, wertlos zu sein, sobald er nicht funktioniert?
Was ich meinem jüngeren Ich heute sagen würde
Ich würde dem Mädchen von damals gerne sagen:
Du bist nicht dumm.
Du bist nicht faul.
Du bist nicht falsch.
Du brauchst manchmal mehr Zeit, eine andere Erklärung oder einen zweiten Anlauf. Das ist keine Schwäche.
Eine schlechte Note sagt nicht, wie intelligent, kreativ oder wertvoll du bist. Und nur weil du heute etwas noch nicht kannst, bedeutet das nicht, dass du es niemals lernen wirst.
Du darfst Fragen stellen, auch wenn alle anderen angeblich schon alles verstanden haben.
Du darfst einen Weg verlassen, der nicht zu dir passt.
Du darfst Umwege gehen.
Und du darfst stolz auf dich sein, auch wenn du bei keiner Abschlussfeier als eine der Besten aufgerufen wirst.
Denn vielleicht bestand deine größte Leistung nicht darin, die besten Noten zu schreiben. Vielleicht bestand sie darin, trotz Selbstzweifeln weiterzumachen, neue Wege auszuprobieren und irgendwann wieder Freude am Lernen zu finden.
Meine Schulzeit hat mich geprägt – aber sie bestimmt nicht meine Zukunft
Meine Schulzeit hat Spuren hinterlassen.
Manche davon schmerzen noch immer. Andere haben mich stärker gemacht. Sie hat mein Selbstbild erschüttert, meinen Berufsweg beeinflusst und Glaubenssätze entstehen lassen, die ich erst viele Jahre später hinterfragen konnte.
Gleichzeitig hat sie mir gezeigt, wie wichtig Ermutigung ist.
Ein einziger Satz kann lange im Kopf bleiben. Ein Mensch, der an uns glaubt, kann etwas verändern. Eine gute Erklärung kann aus einem scheinbar unlösbaren Thema plötzlich etwas Verständliches machen.
Heute weiß ich, dass Lernen nicht nur in Klassenzimmern stattfindet. Wir lernen in Ausbildungen, im Studium, im Beruf, in Beziehungen, durch Fehler und auf all den Umwegen, die zunächst wie falsche Entscheidungen aussehen.
Vielleicht war ich nie schlecht im Lernen.
Vielleicht habe ich einfach lange versucht, auf eine Weise zu lernen, die nicht zu mir passte.
Und vielleicht besteht meine wichtigste Erkenntnis aus der Schulzeit genau darin:
Nicht jeder Mensch braucht den gleichen Weg. Aber jeder Mensch verdient die Chance, seinen eigenen zu finden.
Welche Szene taucht bei dir als Erstes auf, wenn du an deine Schulzeit zurückdenkst? Und gibt es einen Glaubenssatz aus dieser Zeit, den du heute gerne loslassen möchtest?


Liebe Sandra,
vielen Dank für deine wirklich bewegenden Einblick in deine Schulzeit. Ich habe beim Lesen so deutlch gesptürt, wie du von vielen (Lehrern, dem System) ausgebremst wurdest. Statt deine Motivation zu fördern wurden prägende negative Glaubenssätze „gefüttert“. Wie schön, dass du im Nachgang sehen kannst, dass dich manches stärker gemacht hat.
Ich freue mich sehr, dass du deine Gedanken zu meiner Blockpaarde teilst.
Liebe Sandra!
Wow! So viele Momente sind da zusammengekommen und mit mehreren davon gehe ich in Resonanz- die Sache mit dem Englischlernen haben wir auf jeden Fall gemeinsam! Die heutige Freude an der Sprache durch Duolingo ebenfalls. Das und viele Aspekte deiner Gedanken zeigen mir, wie viel möglich ist: im schlechten Falle durch Entmutigung, im positiven Sinne durch ermutigende Begleitung und am allerwichtigsten: dem, was wir irgendwann aus diesen Erfahrungen machen durch Bewusstheit.
Danke, dass du an meiner Blogparade teilgenommen hast, ich feiere deinen Artikel!
Herzlichst, Nicole