Was soll ich später einmal werden?
Während meiner Schulzeit hatte ich darauf keine Antwort. Ich war vor allem damit beschäftigt, mein Abitur irgendwie zu schaffen. An einen konkreten Beruf, eine Ausbildung oder ein Studium dachte ich erst ernsthaft, als die Schulzeit fast vorbei war.
Heute wünsche ich mir, dass Jugendliche schon während der Schulzeit viel mehr Gelegenheiten bekämen, unterschiedliche Berufe praktisch kennenzulernen. Mehr Praktika, mehr echte Einblicke und mehr Gespräche mit Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern hätten mir vermutlich geholfen, mich sicherer zu fühlen.
Stattdessen stand ich nach dem Abitur da und wusste nicht, wohin mit mir.
Rückblickend denke ich manchmal, dass die Realschule für mich vielleicht der bessere Schulweg gewesen wäre. Vermutlich hätte ich dort bessere Noten geschrieben und dadurch mehr Selbstvertrauen entwickeln können. Nach der Grundschule hatte mein Selbstbewusstsein einen deutlichen Knick bekommen. Die folgenden Schuljahre verstärkten bei mir lange das Gefühl, nicht besonders leistungsfähig zu sein.
Dass ich später ein Studium mit der Note 1,4 abschließen würde, hätte ich damals niemals für möglich gehalten.
Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Was ich mir für mein Berufsleben gewünscht hätte und was ich heute anders mache“ von Brigitte Kleinhenz.
Hauptsache, ich sitze nicht untätig herum
Nach dem Abitur wusste ich zwar nicht, welchen Beruf ich wirklich ausüben wollte. Eines wusste ich aber: Ich wollte nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun.
Auf Empfehlung meiner Eltern entschied ich mich deshalb für eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.
Diese Entscheidung würde ich heute nicht rückgängig machen. Die Ausbildung war wichtig für mich. Ich lernte viel, sammelte praktische Erfahrungen und gewann Selbstvertrauen. Zum ersten Mal merkte ich, dass ich durchaus etwas schaffen und Verantwortung übernehmen konnte.
Vielleicht hätte ich dieses Selbstvertrauen schon früher entwickelt, wenn mein Schulweg anders verlaufen wäre. Das lässt sich heute nicht mehr beantworten. Sicher ist jedoch: Die Physiotherapie-Ausbildung gab mir etwas, das mir nach der Schulzeit fehlte – das Gefühl, etwas zu können.
Trotzdem war sie noch nicht der berufliche Weg, der wirklich zu mir passte.
Der Druck, unbedingt studieren zu müssen
Mein Vater wollte, dass ich studiere. Schon während meiner Ausbildung empfand ich diese Erwartung als starken Druck.
Kaum hatte ich die Physiotherapie-Ausbildung abgeschlossen, kam die Frage: Möchtest du jetzt nicht doch studieren?
Für ihn war ein Studium vermutlich mit Sicherheit, Erfolg und guten beruflichen Möglichkeiten verbunden. Bei mir kam jedoch vor allem eine andere Botschaft an: Das, was du bisher erreicht hast, reicht noch nicht.
Dieser Druck setzte mir sehr zu.
Ich begann ein Osteopathie-Studium, scheiterte damit aber. Ob der äußere Druck der einzige Grund dafür war, weiß ich nicht. Rückblickend glaube ich jedoch, dass er einen großen Anteil daran hatte. Die Entscheidung fühlte sich nicht wirklich wie meine eigene an.
Ich versuchte, Erwartungen zu erfüllen, anstatt ehrlich zu prüfen, was mich interessierte und welchen Weg ich selbst gehen wollte.
Heute weiß ich: Ein Studium ist nicht automatisch der richtige Weg, nur weil andere Menschen es gut mit einem meinen.
Ein Rat kann wertvoll sein. Eine Empfehlung kann neue Möglichkeiten aufzeigen. Aber die Person, die am Ende mit der Entscheidung leben muss, bin ich selbst.
Als ich meine eigene Entscheidung traf, änderte sich alles
Später entschied ich mich für ein Studium der Medieninformatik.
Diesmal war es anders.
Ich hatte echtes Interesse am Thema. Ich wollte verstehen, lernen und mich weiterentwickeln. Die Entscheidung entstand nicht nur aus einer Erwartung von außen, sondern aus meiner eigenen Neugier.
Dabei machte ich eine Erfahrung, die mein Bild von mir selbst grundlegend veränderte:
Wenn ich mich für etwas interessiere und Freude daran habe, kann ich sehr gute Leistungen erbringen.
Ich schloss das Studium mit der Note 1,4 ab.
Für manche Menschen ist das vielleicht einfach eine gute Abschlussnote. Für mich bedeutete sie sehr viel mehr. Sie widerlegte den Glaubenssatz, den ich seit meiner Schulzeit mit mir herumgetragen hatte: dass ich nicht gut genug sei oder akademisch nicht mithalten könne.
Plötzlich wurde mir klar, dass schlechte Leistungen nicht immer etwas mit mangelnder Intelligenz oder fehlenden Fähigkeiten zu tun haben. Manchmal befinden wir uns einfach in einer Umgebung oder auf einem Weg, der nicht zu uns passt.
Interesse, Motivation und die eigene Entscheidung können einen enormen Unterschied machen.
Würde ich heute etwas anders machen?
Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mich vermutlich wieder für die Ausbildung zur Physiotherapeutin entscheiden.
Sie hat mir geholfen, selbstständiger zu werden und mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen.
Nach der Ausbildung würde ich jedoch wahrscheinlich direkt mit dem Studium der Medieninformatik beginnen. Ich hätte mir dadurch einige Zweifel, Druck und Umwege erspart.
Gleichzeitig frage ich mich, ob ich dann im Studium dieselben Menschen kennengelernt hätte. Dort sind Freundschaften entstanden, die mir bis heute viel bedeuten. Wäre ich früher gestartet, hätte sich mein Weg zeitlich verschoben und mein Leben wäre vermutlich anders verlaufen.
Deshalb kann ich nicht eindeutig sagen, dass meine Umwege nur verlorene Zeit waren.
Manche Erfahrungen hätte ich gerne vermieden. Andere haben mich genau zu den Menschen, Erkenntnissen und Entscheidungen geführt, die heute zu meinem Leben gehören.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht jeden Umweg im Nachhinein gutheißen. Wir dürfen aber anerkennen, dass auch aus schwierigen Phasen etwas Wertvolles entstehen kann.
Schwierige Arbeitgeber zeigten mir, was ich nicht mehr möchte
Auch meine späteren Berufserfahrungen verliefen nicht immer positiv.
Ich arbeitete mehrfach in sehr kleinen Unternehmen mit höchstens zehn Mitarbeitenden. Dort machte ich Erfahrungen, an die ich nicht gerne zurückdenke. Besonders gehaltlich fühlte ich mich wiederholt ausgenutzt und nicht angemessen wertgeschätzt.
Damals fiel es mir schwer, für mich einzustehen. Ich nahm vieles hin, zweifelte an meiner eigenen Wahrnehmung oder hoffte, dass sich die Situation irgendwann von selbst verbessern würde.
Heute sehe ich diese Erfahrungen differenzierter.
Sie waren unangenehm und zum Teil sehr belastend. Gleichzeitig haben sie mir deutlich gezeigt, was ich in meinem Berufsleben nicht mehr möchte.
Ich möchte nicht in einem Umfeld arbeiten, in dem faire Bezahlung als unwichtig betrachtet wird. Ich möchte meine Leistung nicht ständig beweisen müssen, ohne dafür Wertschätzung zu erhalten. Und ich möchte nicht schweigen, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.
Diese Klarheit musste ich mir erst erarbeiten.
Heute spreche ich aus, wie es mir geht
Früher behielt ich viele Gefühle für mich.
Wenn mich etwas verletzte, verunsicherte oder wütend machte, versuchte ich häufig, damit allein zurechtzukommen. Besonders im Berufsleben glaubte ich lange, Gefühle hätten dort nichts zu suchen.
Heute spreche ich viel deutlicher darüber, wie es mir geht.
Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, spreche ich es an. Wenn mir Feedback fehlt, frage ich danach. Wenn eine Situation für mich nicht mehr tragbar ist, versuche ich nicht länger, sie schönzureden.
Das bedeutet nicht, dass jedes Gespräch leicht ist. Für sich selbst einzustehen kostet Mut – vor allem dann, wenn man lange gelernt hat, sich anzupassen und die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen.
Doch ich habe verstanden, dass meine Gefühle wichtige Hinweise sind. Sie zeigen mir, wenn eine Grenze überschritten wurde, wenn etwas nicht zu mir passt oder wenn ich eine Veränderung brauche.
Sie zu ignorieren macht mich nicht professioneller. Es entfernt mich nur von mir selbst.
Was beruflicher Erfolg heute für mich bedeutet
Früher verband ich Erfolg wahrscheinlich stärker mit Abschlüssen, guten Noten und dem Gefühl, den Erwartungen anderer Menschen gerecht zu werden.
Heute definiere ich beruflichen Erfolg anders.
Erfolg bedeutet für mich, bei einem Arbeitgeber zu arbeiten, der mich angemessen bezahlt und meine Leistung wertschätzt.
Ich wünsche mir ein gutes Team, in dem offen kommuniziert wird und ehrliches, konstruktives Feedback selbstverständlich ist. Ich möchte eine Arbeit, die mich fordert und mir die Möglichkeit gibt, Neues zu lernen – ohne mich dauerhaft zu überfordern.
Gleichzeitig möchte ich nicht unterfordert sein und das Gefühl haben, mich nicht weiterentwickeln zu können.
Beruflicher Erfolg ist für mich deshalb kein einzelner Titel und keine Position auf einer Karriereleiter. Er entsteht aus mehreren Dingen:
aus einer fairen Bezahlung, einem wertschätzenden Umfeld, interessanten Aufgaben, persönlicher Entwicklung und dem Gefühl, ernst genommen zu werden.
Erfolg bedeutet für mich auch, mich nicht mehr selbst zu verlieren, nur um in ein berufliches Umfeld hineinzupassen.
Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde
Meinem jüngeren Ich würde ich vor allem eines mitgeben:
Höre dir die Meinungen anderer Menschen an – aber verwechsle ihre Meinung nicht mit deiner eigenen Entscheidung.
Eltern, Lehrkräfte, Freundinnen, Freunde oder berufliche Vorbilder können wichtige Impulse geben. Sie betrachten unser Leben jedoch immer aus ihrer eigenen Perspektive. Was für sie richtig erscheint, muss nicht automatisch zu uns passen.
Ich würde meinem jüngeren Ich raten, mehr Menschen nach ihren Erfahrungen zu fragen. Nicht nur eine Meinung einzuholen, sondern unterschiedliche Möglichkeiten zu betrachten.
Heute können wir uns mithilfe von Suchmaschinen, Podcasts, Erfahrungsberichten oder KI-Tools innerhalb kurzer Zeit einen ersten Überblick über Ausbildungen, Studiengänge und Berufsfelder verschaffen. Zu Beginn meines Berufslebens war es erheblich aufwendiger, an vergleichbar umfangreiche Informationen zu gelangen.
Trotzdem kann uns keine Recherche die wichtigste Entscheidung abnehmen:
Was möchte ich?
Was interessiert mich?
In welchem Umfeld kann ich mich entwickeln?
Und fühlt sich diese Entscheidung nach meinem Weg an – oder versuche ich gerade, die Erwartungen eines anderen Menschen zu erfüllen?
Mein Berufsweg musste nicht gerade sein
Mein beruflicher Weg führte von einem mühsam bestandenen Abitur über die Physiotherapie und ein gescheitertes Osteopathie-Studium bis zur Medieninformatik.
Von außen betrachtet wirkt dieser Weg vielleicht nicht geradlinig.
Für mich erzählt er jedoch eine wichtige Geschichte: die Geschichte einer Frau, die erst lernen musste, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und ihre Entscheidungen nicht nur von den Erwartungen anderer Menschen abhängig zu machen.
Ich hätte mir früher mehr Orientierung, mehr praktische Einblicke in verschiedene Berufe und weniger Druck gewünscht.
Heute frage ich genauer nach, informiere mich umfassender und achte stärker auf meinen eigenen Instinkt. Ich weiß, welche Arbeitsbedingungen ich brauche und was ich nicht mehr akzeptieren möchte. Vor allem spreche ich aus, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.
Mein Weg war nicht immer leicht. Aber er hat mir gezeigt, dass eine schlechte Schulzeit nicht darüber entscheidet, was später möglich ist.
Manchmal braucht es nur das richtige Thema, das passende Umfeld und den Mut, eine eigene Entscheidung zu treffen.
Welche Erfahrung hat dein Berufsleben geprägt?
Welche berufliche Entscheidung würdest du heute anders treffen?
Oder gab es in deinem Leben ebenfalls einen Moment, in dem du erkannt hast, dass du viel mehr kannst, als du dir bisher zugetraut hattest?
Teile deine Erfahrung gerne in den Kommentaren. Vielleicht hilft deine Geschichte einem Menschen, der gerade selbst an einer beruflichen Weggabelung steht.
Und kennst du jemanden, der zu oft auf die Erwartungen anderer hört? Dann teile diesen Artikel mit dieser Person.


Liebe Sandra,
ganz herzlichen Dank, für diesen Blogbeitrag zu meiner Blogparade.
Das Leben wäre doch langweilig, wenn wir keine Erfahrungen mitnehmen würden, die uns stärker machen.
Erst dadurch konnten wir zu der Frau werden, die wir heute sind. 😉
Ganz liebe Grüße aus Franken
Brigitte