Wenn ich lese, könnte neben mir sprichwörtlich eine Bombe einschlagen – und wahrscheinlich würde ich erst am Ende des Kapitels aufsehen.
Sobald mich eine Geschichte fesselt, tauche ich vollkommen in sie ein. Die Welt um mich herum wird leiser, während die Figuren und ihre Erlebnisse immer lebendiger werden. Lange hielt ich das nicht für eine besondere Fähigkeit. Ich dachte, das sei einfach meine Art zu lesen.
Erst durch Anja Dix’ Blogparade „Das kann ich richtig gut – und hab’s lange nicht gewusst“ habe ich mich gefragt, was eigentlich hinter dieser Fähigkeit steckt.
Dabei ist mir aufgefallen: Es geht nicht nur ums Lesen.
Ich kann mich vollkommen auf etwas einlassen. Ich kann beobachten, Zusammenhänge erkennen und so tief in einer Tätigkeit versinken, dass ich alles andere um mich herum vergesse.
Und diese Stärke begleitet mich schon viel länger, als mir bewusst war.
Ein Schachbrett und ein unterschätztes Mädchen
Eine Erinnerung führt mich zurück in die fünfte Klasse.
Damals spielte ich gegen einen älteren Jungen Schach. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass ein jüngeres Mädchen für ihn eine ernsthafte Gegnerin sein könnte. Er unterschätzte mich.
Doch während wir uns gegenübersaßen und die Figuren über das Brett bewegten, spielte sein Alter keine Rolle mehr. Es ging nur noch darum, aufmerksam zu bleiben, mögliche Züge vorauszudenken und nicht vorschnell zu handeln.
Auch später konnte ich mehrmals gegen ein Kind gewinnen, gegen das andere häufig verloren hatten. Trotzdem hätte ich damals vermutlich nicht von mir behauptet: „Ich bin richtig gut im Schach.“
Vielleicht hätte ich gesagt: „Ich glaube, ich kann es ganz gut.“
Denn genau so reden wir unsere Stärken oft klein.
Wir sagen, wir hätten Glück gehabt. Die anderen hätten vielleicht nicht aufgepasst. Oder es sei nichts Besonderes, weil es uns selbst leichtfällt.
Warum ich meine Stärke lange nicht gesehen habe
Nach meiner Schulzeit hatte ich lange niemanden, mit dem ich regelmäßig Schach spielen konnte. Dadurch fehlten mir nicht nur die Gelegenheiten zum Spielen, sondern auch die Rückmeldungen von außen.
Eine Stärke, die keinen Raum bekommt, kann leicht in Vergessenheit geraten.
Manchmal brauchen wir andere Menschen, die uns spiegeln, was wir können. Nicht, weil eine Stärke erst durch ihr Lob entsteht, sondern weil wir selbst oft zu nah dran sind, um sie zu erkennen.
Schach hat mir schon immer Spaß gemacht. Ich mag es, vorauszudenken, verschiedene Möglichkeiten abzuwägen und mich auf eine Sache zu konzentrieren. Gerne würde ich irgendwann in einen Verein eintreten. Im Moment lässt sich das mit Kindern und Alltag jedoch nicht gut umsetzen.
Aber eine Stärke verschwindet nicht, nur weil wir sie gerade nicht regelmäßig nutzen.
Sie wartet.
Viele Interessen – oder ein gemeinsamer roter Faden?
Als ich über das Thema nachdachte, fielen mir immer mehr Dinge ein, die ich gut kann oder zumindest sehr gerne mache.
Ich kann nähen und häkeln. Früher habe ich Mangas gezeichnet – und war darin ziemlich gut. Ich lese, spiele Tischtennis, tanze und liebe Geschichten.
Auf den ersten Blick wirken diese Interessen vielleicht völlig unterschiedlich. Was haben ein Schachbrett, eine Nähmaschine, ein Manga, ein spannendes Buch und eine Tanzfläche gemeinsam?
Für mich inzwischen eine ganze Menge.
Bei all diesen Dingen kann ich mich konzentrieren, meiner Fantasie folgen und vollkommen in dem aufgehen, was ich gerade tue. Beim Schach denke ich Züge voraus. Beim Nähen setze ich einzelne Teile zusammen. Beim Zeichnen entsteht aus Linien eine Figur. Beim Lesen erwacht eine fremde Welt in meinem Kopf.
Vielleicht besteht meine eigentliche Stärke also nicht darin, eine einzige Sache besonders gut zu können.
Vielleicht liegt sie darin, dass ich mich tief auf etwas einlassen kann.
Dass ich neugierig bleibe.
Dass ich Freude am Lernen und Gestalten habe.
Und dass ich mich nicht so leicht aus einer Welt herausreißen lasse, sobald sie mich wirklich begeistert.
Wenn nur noch der Beat zählt
Eine Leidenschaft darf in dieser Aufzählung auf keinen Fall fehlen: das Tanzen.
Ich tanze für mein Leben gern. Sobald die Musik beginnt, bin ich vollkommen bei mir. Dann denke ich nicht darüber nach, wie ich wirke oder ob jeder Schritt perfekt sitzt. Ich höre auf, alles kontrollieren zu wollen, und spüre nur noch den Beat.
Auch beim Tanzen kann ich die Welt um mich herum vergessen. Aber anders als beim Lesen oder Schach sitze ich dabei nicht still und konzentriere mich auf Gedanken, Figuren oder mögliche Züge.
Ich lasse los.
Ich bewege mich, fühle die Musik und bin ganz im Augenblick.
Vor der Geburt unserer Kinder haben mein Mann und ich gemeinsam einen Tanzkreis besucht. Diese Zeit hat uns beiden viel Freude gemacht. Mit kleinen Kindern war es jedoch lange schwierig, regelmäßig daran teilzunehmen. Unser Alltag hatte sich verändert, und das Tanzen musste zunächst in den Hintergrund treten.
Inzwischen sind unsere Kinder vier und acht Jahre alt. Nun können mein Mann und ich wieder gemeinsam am Tanzkreis teilnehmen.
Darauf freue ich mich sehr.
Denn manchmal verlieren wir eine Leidenschaft nicht wirklich. Sie wartet lediglich darauf, dass in unserem Leben wieder Platz für sie entsteht.
Die Rückkehr zum Tanzen fühlt sich deshalb nicht nur wie die Wiederaufnahme eines alten Hobbys an. Sie ist auch eine Rückkehr zu einem Teil von mir selbst.
Zu dem Teil, der nicht nachdenkt, plant oder bewertet.
Zu dem Teil, der einfach nur den Beat fühlt.
Freude braucht keinen Leistungsnachweis
Nicht nur beim Tanzen, sondern auch beim Tischtennis merke ich, wie gut es tut, etwas einfach aus Freude zu machen.
Bei meiner Arbeit findet demnächst ein Sommer-Familienfest statt, und ich habe mich dort für das Tischtennis angemeldet.
Nicht, weil ich allen beweisen möchte, wie gut ich bin.
Ich mache mit, weil es mir Spaß macht.
Vielleicht ist auch das eine wichtige Erkenntnis: Wir müssen aus unseren Stärken und Leidenschaften nicht immer sofort eine Leistung, einen Wettbewerb oder ein großes Ziel machen.
Nicht jede Fähigkeit muss zu einem Beruf werden. Nicht jedes Hobby muss perfekt beherrscht werden.
Manches darf einfach Freude machen.
Und manchmal erkennen wir gerade in den Momenten, in denen wir nichts beweisen wollen, was wirklich in uns steckt.
Darf ich mich schon als Schreiberin sehen?
Beim Schreiben bin ich mir noch nicht sicher, ob ich behaupten kann, dass ich es gut kann. Schließlich habe ich noch nichts veröffentlicht.
Aber ich liebe Geschichten.
Und vielleicht tappe ich damit gerade wieder in dieselbe Falle.
Vielleicht warte ich auf einen sichtbaren Beweis. Auf eine Veröffentlichung, eine Rückmeldung oder einen Erfolg, der mir offiziell bestätigt: Ja, du kannst schreiben.
Doch muss eine Stärke wirklich erst von anderen anerkannt werden, bevor wir sie selbst annehmen dürfen?
Ein Buch erscheint nicht plötzlich aus dem Nichts. Es beginnt mit der Liebe zu Geschichten. Mit einer Idee. Mit einem ersten Satz. Und mit der Bereitschaft, weiterzumachen, obwohl noch niemand weiß, wohin der Weg führen wird.
Vielleicht ist das Schreiben deshalb die nächste Stärke, die ich gerade erst entdecke.
Nicht, weil ich bereits alles beherrsche. Sondern weil ich bereit bin, mich darauf einzulassen.
Stärken müssen nicht laut sein
Lange dachte ich, meine Interessen wären einfach nur einzelne Dinge, die ich gerne mache: lesen, Schach spielen, tanzen, nähen, häkeln, zeichnen, Tischtennis spielen und Geschichten schreiben.
Heute erkenne ich darin etwas Gemeinsames.
Ich kann mich vollkommen auf einen Moment einlassen. Ich kann mit Geduld und Fantasie bei einer Sache bleiben. Ich kann vorausdenken, gestalten und Neues entstehen lassen. Und ich kann die Welt um mich herum vergessen, wenn mich etwas wirklich begeistert.
Manchmal geschieht das ganz still über den Seiten eines Buches.
Manchmal sitze ich konzentriert vor einem Schachbrett.
Und manchmal brauche ich nur Musik, Bewegung und einen Beat, der mich alles andere vergessen lässt.
Diese Stärke ist nicht laut. Sie hat keine Urkunde und keinen festen Titel.
Aber sie ist da.
Vielleicht geht es bei verborgenen Stärken genau darum: Sie sind uns so vertraut, dass wir sie kaum wahrnehmen. Wir suchen nach etwas Außergewöhnlichem und übersehen dabei das, was wir ganz selbstverständlich tun.
Deshalb möchte ich dir zwei Fragen mitgeben:
Bei welcher Tätigkeit vergisst du die Zeit?
Und wann fühlst du dich vollkommen bei dir?
Vielleicht liegt genau dort eine Stärke, die du bisher noch gar nicht als solche erkannt hast.


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