Manchmal ist die Wahrheit genau das, was eine Beziehung zunächst zerstört – und gleichzeitig das Einzige, was sie retten kann.
Genau dieser Gedanke ist mir nach Mythica – Göttin des Frühlings von P. C. Cast besonders im Gedächtnis geblieben.
Denn hinter der mystischen Geschichte über Götter, die Unterwelt und einen ungewöhnlichen Seelentausch steckt für mich vor allem eine Geschichte über zwei Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise schlechte Erfahrungen mit der Liebe gemacht haben. Und darüber, wie viel Mut es braucht, trotzdem noch einmal zu vertrauen und sich einem anderen wirklich zu zeigen.
P. C. Cast gehört für mich zu den Autorinnen, deren Schreibstil ich einfach gerne lese. Ihre Geschichten haben meist einen schnellen Einstieg, sind emotional und mystisch und im Mittelpunkt steht immer wieder eine Göttin. Deshalb bin ich dieses Mal auch ohne große Erwartungen an das Buch herangegangen. Ich wollte mich einfach wieder in eine ihrer Geschichten fallen lassen.
Das hat ziemlich gut funktioniert.
So gut, dass ich im letzten Drittel fast durchgehend geweint habe und das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Aus „Ich lese noch ein bisschen“ wurde bei mir schließlich „Na gut, dann lese ich eben bis Mitternacht“.
Worum geht es in „Mythica – Göttin des Frühlings“?
Lina ist Bäckerin und Inhaberin eines Geschäfts, um das es finanziell gerade nicht besonders gut bestellt ist. Bei dem Versuch, ihre Bäckerei mithilfe eines alten Rezepts zu retten, gerät sie allerdings in eine Welt, mit der sie wohl kaum gerechnet hätte.
Denn die Göttin Demeter hat ein ganz anderes Problem. Ihre Tochter Persephone soll endlich reifer und erwachsener werden. Gleichzeitig wünschen sich die Toten in der tristen Unterwelt eine Göttin.
Demeter kommt deshalb auf eine ungewöhnliche Idee: Sie tauscht die Seelen von Lina und Persephone.
Während Persephone Erfahrungen in der Menschenwelt sammeln soll, findet sich Lina plötzlich im Körper der Göttin wieder. Und damit führt ihr Weg schließlich zu Hades.
Lina – selbstbewusst, erfahren und definitiv nicht unterwürfig
Lina mochte ich von Anfang an.
Sie ist eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will, und bereits einiges erlebt hat. Nur in ihrem Liebesleben läuft es nicht besonders gut. Sie hat keine feste Beziehung und bereits einige schlechte Erfahrungen mit Männern hinter sich.
Gerade das fand ich für ihre Rolle in der Geschichte wichtig. Lina ist keine vollkommen unerfahrene junge Frau, die plötzlich ihre erste große Liebe entdeckt. Sie weiß, dass Liebe auch wehtun kann.
Was mir außerdem sofort an ihr gefallen hat: Nicht einmal einer Göttin gegenüber fügt sie sich einfach ihrem Schicksal. Demeter möchte über ihr weiteres Leben bestimmen? Dann wird eben erst einmal verhandelt.
Das passt für mich wunderbar zu Lina.
Und dann wäre da noch ihre Angewohnheit, auf Italienisch zu fluchen. Ich musste darüber immer wieder schmunzeln. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber auf Italienisch klingt Fluchen einfach direkt weniger schlimm als auf Deutsch oder Englisch.
Hades – genauso düster wie erwartet und dann doch ganz anders
Bei Hades bekam ich zunächst ziemlich genau das, was ich vom Gott der Unterwelt erwartet hatte: Er ist verschlossen, unnahbar, unfreundlich und düster.
Doch diese Fassade bekommt ziemlich schnell Risse.
Denn Hades beginnt über diese ungewöhnliche „Persephone“ zu grübeln. Lina verhält sich ganz anders, als er es von den Göttern gewohnt ist. Sie macht ihn neugierig und bringt gleichzeitig etwas ins Wanken, von dem er bisher ziemlich überzeugt war.
Hades hält die anderen Götter für oberflächlich. Deshalb hat er sich bisher gar nicht erst auf eine Liebesbeziehung eingelassen. Er glaubt zwar daran, dass es unter Menschen Seelenverwandte gibt, aber unter Göttern kann er sich eine solche Verbindung kaum vorstellen.
Genau das macht die Beziehung zwischen Lina und Hades für mich so interessant.
Beide wurden von der Liebe enttäuscht – nur vollkommen unterschiedlich.
Lina hat Beziehungen zugelassen und wurde dabei verletzt. Hades schützt sich vor dieser Verletzung, indem er erst gar niemanden wirklich an sich heranlässt.
Und dann begegnen sie einander.
Ausgerechnet die Unterwelt ist wunderschön
Die Unterwelt gehört für mich zu den schönsten Überraschungen des Buches.
Bei Hades und der Unterwelt denke ich zunächst an Dunkelheit, Kälte und einen Ort, an dem ich mich wahrscheinlich nicht freiwillig länger aufhalten möchte.
Und dann beschreibt P. C. Cast diesen Ort so, dass ich ihn plötzlich wunderschön vor mir sehen konnte.
Schwarz und Weiß bilden starke Kontraste. Dazwischen leuchten Edelsteine in allen möglichen Farben und immer wieder tauchen Narzissen auf.
Diese Unterwelt ist düster und mystisch, aber gleichzeitig wunderschön. Genau dieser Gegensatz hat mir unglaublich gut gefallen.
Und dann kommen noch die Tiere.
Lina begegnet zunächst vier schwarzen Streitrössern. Sie wirken wild und gefährlich – bis Lina ihnen gegenübersteht und sie in ihren Händen plötzlich zahm werden.
Und natürlich gibt es Zerberus.
Eigentlich sprechen wir hier vom gefürchteten dreiköpfigen Hund der Unterwelt. Bei Lina wird daraus gefühlt ein riesiges, liebes und vor allem sabberndes Hündchen, das sie an ihren eigenen Hund in der Menschenwelt erinnert.
Ich fand diese Szenen herrlich.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser passen sie für mich zu Hades selbst. Auch er wirkt auf den ersten Blick düster und unnahbar. Lina lässt sich davon jedoch nicht abschrecken und entdeckt nach und nach eine ganz andere Seite an ihm.
Romantisch, sinnlich und erotisch – aber für mich nie kitschig
Der Schreibstil von P. C. Cast ist für mich leicht, romantisch und humorvoll, gleichzeitig aber auch sehr bildlich und sinnlich.
Auch die Erotik hat für mich genau das richtige Maß. Die Liebesszenen zwischen Lina und Hades sind spürbar erotisch, ohne für mich ins Pornografische abzurutschen.
Und obwohl wir hier von Göttern, Seelenverwandtschaft und der großen Liebe sprechen, wurde mir die Geschichte nie zu kitschig.
Das Erzähltempo ist meistens recht schnell. Zwischendurch gibt es immer wieder kürzere ruhigere Passagen, in denen ich ein wenig durchatmen konnte.
Das war auch nötig.
Denn im letzten Drittel war es mit dem entspannten Lesen bei mir endgültig vorbei.
Ich habe fast durchgehend geweint.
Dabei waren es vor allem die Missverständnisse zwischen Lina und Hades, die mich fertiggemacht haben. Als Leser weiß ich, dass Lina Hades nicht betrügt. Ich weiß, warum sie verschwindet und dass es einen Grund für ihr Verhalten gibt.
Gleichzeitig konnte ich Hades verstehen.
Er sieht Dinge, die genau das zu bestätigen scheinen, was er ohnehin über die Götter glaubt. Und während ich wusste, was wirklich passiert, konnte ich nur zusehen, wie die beiden immer weiter aneinander vorbeilaufen.
Ich wollte irgendwann eigentlich nur noch ins Buch hineinrufen: Redet doch endlich miteinander!
Genau deshalb konnte ich es aber auch nicht mehr weglegen.
Achtung, ab hier gibt es Spoiler!
Besonders interessant fand ich die Neuinterpretation der Geschichte von Orpheus und Eurydike.
Normalerweise kennen wir die Geschichte als große Tragödie zweier Liebender. Orpheus steigt in die Unterwelt hinab, um seine verstorbene Eurydike zurückzuholen.
P. C. Cast gibt dieser Geschichte jedoch eine ganz andere Bedeutung.
Orpheus erscheint hier nicht als liebender Ehemann. Stattdessen hat er Eurydike durch seine Musik beeinflusst und sie schlecht behandelt.
Deshalb hilft Lina in Persephones Gestalt Eurydike nicht dabei, zu ihrem Mann zurückzukehren. Sie ermöglicht ihr stattdessen, in der Unterwelt zu bleiben und ihren eigenen Weg zu gehen.
Dort kommt Eurydike dem Halbgott Daimon näher.
Diese Nebenhandlung hat mir besonders gefallen, weil Eurydike und Daimon für mich etwas verkörpern, das Lina und Hades selbst noch nicht erreicht haben. Ein Halbgott und ein Geist finden langsam zueinander, während die Beziehung zwischen einem Gott und einer Frau gleichzeitig an einem gewaltigen Geheimnis zu zerbrechen droht.
Denn so sehr Lina Hades liebt: Sie kann ihm nicht sagen, wer sie wirklich ist.
Hades sieht Persephone.
Aber die Frau, in die er sich verliebt, ist Lina.
Und genau das macht die Liebesgeschichte für mich so spannend.
Lina muss ständig überlegen, was sie sagt und wie sie sich verhält, damit ihre wahre Identität nicht auffliegt. Sie kann sich nie vollkommen fallen lassen. Trotzdem kommt immer wieder ihr eigentliches Wesen zum Vorschein – und genau dieses Wesen ist es, das Hades fasziniert.
Gleichzeitig sieht Hades Lina zweimal mit Apollo. Dadurch scheint sich sein Vorurteil zu bestätigen, dass Göttinnen oberflächlich und sprunghaft sind. Als Lina außerdem verschwindet, weil sie wegen des Körpertauschs mit Demeter sprechen muss, kann sie ihm auch dafür nicht die wirkliche Erklärung geben.
Ich wusste, dass Lina ihn nicht betrügt.
Ich wusste aber auch, warum Hades genau das glauben musste.
Und das tat beim Lesen weh.
Am Ende bleibt nur die Wahrheit
Der für mich wichtigste Moment kommt, als Lina schließlich selbst auf Hades zugeht.
Sie entscheidet sich für die Wahrheit.
Sie gesteht ihm, dass sie ein Mensch ist. Gleichzeitig läuft die vereinbarte Zeit des Körpertauschs ab und Demeter zeigt Hades Linas wahre Gestalt.
Und Hades weist sie zurück.
Das war hart. Aber gerade deshalb hat dieser Moment für mich funktioniert.
Lina wird nicht sofort dafür belohnt, dass sie endlich ehrlich ist. Die Wahrheit löst nicht plötzlich alle Probleme. Im ersten Moment zerstört sie sogar genau das, was Lina sich am meisten wünscht.
Trotzdem muss sie gesagt werden.
Denn wie soll Hades Lina wirklich lieben können, solange sie ihm nicht zeigen kann, wer Lina überhaupt ist?
Deshalb empfinde ich das spätere Happy End auch nicht als geschenkt. Ich hätte es viel schwächer gefunden, wenn nach Linas Geständnis plötzlich sofort alles gut gewesen wäre.
Lina und Hades müssen sich ihr Happy End verdienen.
Und nachdem ich im letzten Drittel so mit den beiden gelitten hatte, war ich am Ende einfach glücklich, dass sie tatsächlich zueinanderfinden.
Ein Rezept führt zu den Göttern – und wieder zurück
Ein kleines Detail hat die Geschichte für mich am Ende zusätzlich schön abgerundet: die Rezepte und Rituale.
Schon am Anfang führt ein altes Rezept Lina überhaupt erst zu Demeter. Wein, Hefeteig, ein Baum, eine grüne Kerze und der Dank an die Göttin setzen etwas in Gang, das Linas gesamtes Leben verändert.
Am Ende begegnet uns ein ähnliches Motiv erneut. Wieder spielen ein Rezept, ein Baum und ein Ritual eine Rolle – und schließlich trifft Lina Hades in der Menschenwelt.
Das fand ich besonders schön, weil sich damit für mich der Kreis der Geschichte schließt.
Mein Fazit zu „Mythica – Göttin des Frühlings“
Mythica – Göttin des Frühlings verbindet genau die Dinge, die ich an P. C. Cast so gerne lese: Mystik, Göttinnen, Humor, Sinnlichkeit, Romantik und große Gefühle.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Unterwelt. Ich hätte nicht erwartet, dass ausgerechnet sie mit ihren Narzissen, Edelsteinen und starken Schwarz-Weiß-Kontrasten zu einem meiner liebsten Schauplätze des Buches wird.
Noch stärker hat mich aber die Beziehung zwischen Lina und Hades gepackt.
Beide sehnen sich nach Liebe und beide tragen ihre eigenen Verletzungen mit sich herum. Lina hat schlechte Beziehungen erlebt. Hades lässt sich aus Angst vor der Oberflächlichkeit der Götter überhaupt nicht erst auf eine ein. Dann finden ausgerechnet diese beiden zueinander – während Lina ihm nicht einmal sagen darf, wer sie wirklich ist.
Spätestens im letzten Drittel hatte mich die Geschichte damit vollkommen.
Ich habe mitgefiebert, mich über die Missverständnisse geärgert, fast durchgehend geweint und schließlich bis Mitternacht gelesen, weil Weglegen einfach keine Option mehr war.
Ich habe für mich keine Schwäche gefunden, die meine Begeisterung geschmälert hätte. Deshalb bekommt Mythica – Göttin des Frühlings von mir 5 von 5 Sternen.
Empfehlen würde ich das Buch vor allem junggebliebenen erwachsenen Lesern und New-Adult-Fans, die romantische Geschichten mit griechischer Mythologie mögen und nichts gegen eine Prise Erotik haben.
Was nehme ich selbst aus der Geschichte mit?
Ehrlichkeit.
Ehrlich zu einem Menschen zu sein, den man liebt. Aber genauso ehrlich zu sich selbst zu sein. Auch dann, wenn die Wahrheit unangenehm ist. Auch dann, wenn sie Konsequenzen haben kann.
Lina riskiert mit der Wahrheit ihre Liebe zu Hades.
Aber ohne diese Wahrheit hätte ihre Liebe für mich niemals wirklich eine Chance gehabt.
★★★★★ 5 von 5 Sternen


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