Ich hatte Angst zu gehen – doch ich wusste, dass ich nicht bleiben konnte

von | Aug. 5, 2026 | Emotionen, Selbstfindung & Mut neue Wege zu gehen | 0 Kommentare

Manchmal beginnt die Entscheidung für uns selbst nicht mit einem mutigen Gefühl.

Manchmal beginnt sie mit Erschöpfung. Mit Streit. Mit dem Gedanken: Ich halte das nicht mehr aus.

Bei mir war es der Wunsch, von zu Hause auszuziehen.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Ein Moment, in dem ich mich für mich entschieden habe“ von Lisa Rath. Sie fragt darin nach den Momenten, in denen wir angefangen haben, auf uns selbst zu hören, statt uns nach den Erwartungen anderer zu richten.

Für andere war mein Auszug vielleicht einfach ein normaler Schritt ins Erwachsenenleben.

Für mich war er viel mehr.

Er war der Moment, in dem ich mich für meine Freiheit entschied.

Als Älteste war ich es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen

Ich bin die Älteste von sechs Geschwistern. Nach mir kamen fünf jüngere Geschwister.

Bei uns zu Hause war es fast immer laut. Es gab ständig etwas zu tun, und ich musste viel im Haushalt mithelfen. Wirklich Zeit für mich hatte ich kaum.

Einfach einmal allein sein. Ruhe haben. Selbst entscheiden, was ich mit meiner Zeit anfangen wollte – all das war für mich nicht selbstverständlich.

Je älter ich wurde, desto stärker spürte ich, wie sehr mir dieser Freiraum fehlte.

Ich wollte selbst über meine Zeit bestimmen. Ich wollte nicht ständig das Gefühl haben, verfügbar sein zu müssen. Ich wollte Zeit für mich haben – und auch ungestörte Zeit mit meinem damaligen Freund, der heute mein Mann ist.

Gleichzeitig wurde die Situation zu Hause immer schwieriger. Mein Vater und ich stritten uns häufig. Unsere Auseinandersetzungen belasteten mich so sehr, dass ich irgendwann wusste:

So kann es für mich nicht weitergehen.


Der Wunsch nach einem eigenen Leben

Der Gedanke an einen Auszug war befreiend und beängstigend zugleich.

Auf der einen Seite war da die Hoffnung auf Ruhe, Selbstbestimmung und ein eigenes Leben. Auf der anderen Seite wartete etwas völlig Unbekanntes auf mich.

Wie würde es sein, nicht mehr zu Hause zu wohnen?

Würde ich allein zurechtkommen?

Was würde meine Familie dazu sagen?

Ich hatte Angst. Trotzdem war da dieser starke Drang, der Situation zu entkommen. Der Wunsch nach Freiheit war irgendwann größer als die Unsicherheit.

Also begann ich, nach einer Wohnung zu suchen.

Mein damaliger Freund unterstützte mich dabei. Mit seiner Hilfe fand ich eine günstige WG. Plötzlich war mein Wunsch nicht mehr nur ein Gedanke. Da war eine echte Möglichkeit.

Eine Tür, durch die ich gehen konnte.


Ich musste den Schritt nicht allein gehen

Dass mein Freund hinter mir stand, gab mir den Mut, den ich damals brauchte.

Er nahm mir die Entscheidung nicht ab. Aber seine Unterstützung zeigte mir, dass ich mit meiner Angst nicht allein war.

Manchmal brauchen wir genau das: einen Menschen, der nicht für uns entscheidet, sondern uns zutraut, unseren eigenen Weg zu gehen.

Trotzdem fühlte sich der Auszug nicht nur leicht und befreiend an. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ich wusste nur, dass ich die bisherige Situation nicht länger aushielt.

Also ging ich los – mit Angst, aber auch mit Hoffnung.

Heute weiß ich: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.

Mut bedeutet, sich trotz der Angst zu bewegen.


Meine Freiheit hatte zunächst einen Preis

Mein Vater reagierte auf meinen Auszug mit Rückzug.

Danach sprach er nicht mehr mit mir.

Das tat weh. Denn auch wenn ich mich für mich und mein eigenes Leben entschieden hatte, bedeutete das nicht, dass mir meine Familie plötzlich egal war.

Eine Entscheidung kann richtig sein und trotzdem schmerzen.

Sie kann uns befreien und gleichzeitig etwas kosten.

Erst als meine Uroma starb, näherten mein Vater und ich uns wieder an. Ein trauriges Ereignis brachte uns erneut miteinander in Kontakt.

Rückblickend sehe ich deshalb nicht nur die Freiheit, die ich durch meinen Auszug gewann. Ich sehe auch den Konflikt, die Funkstille und die Gefühle, die damit verbunden waren.

Trotzdem war der Schritt notwendig.

Ich musste mich abnabeln, um herauszufinden, wie ich selbst leben wollte.


Was ich durch meinen Auszug gelernt habe

Mein Auszug war nicht einfach nur ein Wechsel des Wohnortes.

Zum ersten Mal durfte ich meinen Alltag stärker selbst gestalten. Ich konnte über meine Zeit entscheiden. Ich bekam den Rückzugsraum, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte.

Natürlich bedeutete Selbstständigkeit auch neue Verantwortung. Das eigene Leben besteht nicht nur aus Freiheit. Es besteht ebenso aus Entscheidungen, Konsequenzen und Fehlern.

Aber es waren meine Entscheidungen.

Und auch meine Fehler durften endlich meine eigenen sein.

Heute glaube ich, dass genau das zum Erwachsenwerden gehört. Wir können nicht jeden falschen Weg vermeiden. Wir können nicht jede Entscheidung im Voraus absichern. Manches verstehen wir erst, nachdem wir es erlebt haben.

Fehler bedeuten nicht automatisch, dass wir gescheitert sind.

Oft zeigen sie uns, was wir brauchen, was uns wichtig ist und welchen Weg wir beim nächsten Mal wählen möchten.


Heute höre ich bewusster auf mich

Auch heute fallen mir Entscheidungen nicht immer leicht.

Wenn ich vor einer wichtigen Frage stehe, schreibe ich häufig eine Liste mit dem Für und Wider. Das hilft mir, meine Gedanken zu sortieren und die Situation möglichst klar zu betrachten.

Aber die vernünftigste Liste hilft mir nicht, wenn ich dabei mein eigenes Gefühl übergehe.

Deshalb versuche ich zusätzlich, auf mein Bauchgefühl zu hören.

Ein Beispiel dafür erlebte ich bei einem Zahnarztbesuch. Ein Zahnarzt hatte bei mir ein winziges Loch entdeckt, das mir keinerlei Beschwerden bereitete. Für die vorgeschlagene Behandlung hätten nach seiner Aussage etwa 80 Prozent des Zahns abgetragen werden müssen.

Etwas daran fühlte sich für mich nicht richtig an.

Statt mein Gefühl zu ignorieren, wechselte ich den Zahnarzt und holte damit eine andere Einschätzung ein. Mit dem kleinen Loch hatte ich anschließend jahrelang keine Probleme.

Für mich war das eine weitere wichtige Erfahrung: Auf das eigene Gefühl zu hören bedeutet nicht, unüberlegt zu handeln. Es kann auch bedeuten, innezuhalten, Fragen zu stellen und eine zweite Meinung einzuholen.


Was ich meinem früheren Ich heute sagen würde

Ich würde der jungen Frau von damals sagen:

Du musst nicht schon alle Antworten kennen.

Du darfst Angst haben. Du darfst unsicher sein. Du darfst eine Entscheidung treffen, ohne genau zu wissen, wohin sie dich führen wird.

Und du darfst Fehler machen.

Fehler gehören zum Leben. Sie machen dich nicht schwach oder unfähig. Durch sie lernst du, wächst du und findest heraus, wer du sein möchtest.

Ich würde ihr mehr Mut wünschen.

Mehr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Mehr Selbstbewusstsein.

Vor allem würde ich ihr sagen, dass sie nicht egoistisch ist, nur weil sie Ruhe braucht, selbst über ihre Zeit bestimmen möchte und ihr eigenes Leben führen will.

Sich für sich selbst zu entscheiden bedeutet nicht automatisch, sich gegen andere Menschen zu entscheiden.

Manchmal bedeutet es einfach, sich selbst nicht länger zu übergehen.


Mein erster Schritt zu mir selbst

Damals fühlte sich mein Auszug vor allem wie eine Flucht aus einer Situation an, die ich nicht mehr aushielt.

Heute sehe ich darin noch etwas anderes.

Es war einer meiner ersten großen Schritte in die Selbstständigkeit. Ein Schritt weg von den Erwartungen und Strukturen, die mein Leben bis dahin bestimmt hatten. Ein Schritt hin zu mehr Freiheit, Eigenverantwortung und Vertrauen in mich selbst.

Ich ging nicht, weil ich keine Angst hatte.

Ich ging, obwohl ich Angst hatte.

Und vielleicht war genau das der Moment, in dem ich begann, mich wirklich für mich zu entscheiden.

Gab es in deinem Leben einen Moment, in dem du trotz deiner Angst auf dich gehört hast? Teile deine Geschichte gern in den Kommentaren. Vielleicht schenkt sie einer anderen Person genau den Mut, den sie gerade braucht.


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Über mich

Sandra Schwertfeger schaut in die Kamera

Hi, ich bin Sandra 🖐

Urban-Fantasy-Autorin aus Lübeck. In meinen Geschichten treffen Magie und Realität aufeinander – mit Themen wie Zweifel, Liebe, Identität und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen.

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