Wo liegt dein Sehnsuchtsort?
Vielleicht denkst du bei dieser Frage an einen weißen Sandstrand. An eine kleine Hütte im Wald. An das Meer, die Berge oder eine Stadt, in der du einmal vollkommen glücklich warst.
Lange hätte ich vermutlich ebenfalls versucht, einen bestimmten Ort zu nennen. Doch inzwischen glaube ich: Mein Sehnsuchtsort lässt sich nicht auf einer Landkarte markieren.
Er beginnt dort, wo ich meine gewohnte Perspektive verlasse.
Dort, wo ich die Welt für einen Moment anders sehe. Wo mein Alltag leiser wird, meine Gedanken weiter werden und ich wieder dieses leichte Kribbeln in mir spüre.
Unter dem Küchentisch begann mein Perspektivwechsel
Besonders bewusst wurde mir das während meiner Ausbildung zum Romanautor. Eine Aufgabe bestand darin, verschiedene Schreiborte auszuprobieren.
Also schrieb ich nicht nur am Schreibtisch.
Ich setzte mich unter den Küchentisch. Ich schrieb oben auf einem Hochbett. Orte, die auf den ersten Blick unbequem oder sogar ein wenig seltsam wirken.
Doch genau das machte sie besonders.
Unter dem Küchentisch sah die vertraute Küche plötzlich anders aus. Die Tischplatte wurde zu einer schützenden Decke über mir. Stuhlbeine standen wie Säulen im Raum. Für einen Moment fühlte ich mich nicht wie ein Erwachsener, der eine Aufgabe erledigen musste, sondern wie ein Kind, das sich eine eigene kleine Welt erschafft.
Auch auf dem Hochbett veränderte sich mein Blick. Ich war weiter oben als sonst, ein wenig abgeschirmt vom Alltag und näher an meiner Fantasie.
Es war nur eine kleine Veränderung. Und doch spürte ich dieses Kribbeln.
Vielleicht, weil ich für einen Moment aus allem Gewohnten ausgebrochen war.
Vielleicht, weil ich plötzlich wieder neugierig war.
Wenn ich mich klein fühle, wird die Welt weit
Dieses Gefühl begegnet mir auch in der Natur.
Wenn ich am Rand eines Canyons stehe und unter mir ein Greifvogel durch die Luft gleitet, fühle ich mich winzig. Der Himmel wirkt grenzenlos, die Landschaft gewaltig und meine eigenen Sorgen plötzlich sehr klein.
In solchen Momenten muss ich nichts beweisen.
Ich muss nicht wissen, wie mein Leben in fünf Jahren aussehen soll. Ich muss keine Erwartungen erfüllen, keine richtige Entscheidung treffen und nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben.
Ich darf einfach da sein.
Ich darf staunen.
Und manchmal ist genau das die Kraft, die mir im Alltag fehlt.
Der Himmel sieht im Liegen anders aus
Ich brauche jedoch nicht immer einen Canyon oder einen hohen Berg, um diese Freiheit zu spüren.
Manchmal genügt eine Wiese.
Wenn ich mich auf den Rücken lege und in den Himmel schaue, verändert sich die Welt. Plötzlich gibt es keine To-do-Liste mehr vor meinen Augen. Keine Uhr, die mich antreibt. Keine Nachrichten, die beantwortet werden wollen.
Nur Wolken, Licht und unendliches Blau.
Ähnlich geht es mir in einer Hängeschaukel. Während mein Körper sanft hin- und herschwingt, darf auch mein Kopf zur Ruhe kommen. Ich muss nirgendwohin. Ich muss nichts leisten. Für eine Weile werde ich einfach getragen.
Manchmal klettere ich auf einen Baum und schaue von oben nach unten. Ein anderes Mal blicke ich durch die Blätter nach oben und beobachte, wie das Sonnenlicht zwischen den Zweigen hindurchfällt.
Oben auf einem Berg sehe ich die Welt unter mir.
Unten auf einer Wiese sehe ich den Himmel über mir.
Beides macht mich glücklich.
Denn beides erinnert mich daran, dass meine alltägliche Sichtweise nicht die einzige ist.
An meinen Sehnsuchtsorten werde ich wieder zum Kind
Wenn ich solche Orte entdecke, fühle ich mich wie ein Kind.
Nicht kindisch, sondern frei.
Ohne Sorgen. Ohne Zeitdruck. Ohne den ständigen Gedanken, dass ich produktiver, schneller oder besser sein müsste.
Ich darf neugierig sein. Ich darf träumen. Ich darf mich von kleinen Dingen berühren lassen.
Vielleicht sehnen wir uns deshalb so sehr nach bestimmten Orten. Nicht nur, weil sie schön sind, sondern weil wir dort eine andere Version von uns selbst wiederfinden.
Eine Version, die noch staunen kann.
Eine Version, die nicht jede Entscheidung zerdenkt.
Eine Version, die nicht versucht, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Eine Version, die einfach lebt.
Ein Kraftort muss kein Ort sein
Für mich ist ein Kraftort jedoch nicht immer ein Platz, den ich betreten kann.
Manchmal ist er auch eine Tätigkeit.
Wenn ich in einem Buch versinke, verlasse ich meinen Alltag, ohne mich körperlich von der Stelle zu bewegen. Die Welt um mich herum wird leiser. Stattdessen öffnet sich eine andere Tür.
Ich begleite die Heldin auf ihrem Weg. Ich erlebe ihre Abenteuer, fühle ihre Angst, ihre Zweifel und ihre Hoffnung. Ich sehe, wie sie fällt, wieder aufsteht und langsam erkennt, welche Stärke längst in ihr steckt.
Für einige Stunden muss ich nicht über meine eigenen Unsicherheiten nachdenken. Und trotzdem nehme ich etwas aus der Geschichte mit zurück.
Mut.
Zuversicht.
Manchmal sogar eine neue Perspektive auf mein eigenes Leben.
Geschichten sind mein inneres Zuhause
Auch kreative Tätigkeiten schenken mir diese Ruhe.
Wenn ich mich in ein Diamond Painting vertiefe und dabei ein spannendes Hörbuch höre, verschwinden Zeit und Druck. Stein für Stein entsteht ein Bild, während sich gleichzeitig eine Geschichte in meinem Kopf entfaltet.
Meine Hände sind beschäftigt. Meine Gedanken dürfen reisen.
Ich muss nichts Großes erschaffen. Ich muss niemanden beeindrucken. Ich darf mich einfach auf Farben, Formen, Stimmen und Geschichten konzentrieren.
Gerade in einer Welt, in der wir ständig Entscheidungen treffen und funktionieren sollen, sind solche Momente kostbar.
Denn sie erinnern mich daran, dass Kraft nicht immer aus großen Veränderungen entstehen muss.
Manchmal steckt sie in einem winzigen Steinchen, das seinen Platz im Bild findet.
Manchmal in einem Satz, der mich berührt.
Manchmal in einer Heldin, die trotz ihrer Angst weitergeht.
Und manchmal in dem Gefühl, für einen Moment ganz bei mir zu sein.
Vielleicht brauchst du keinen neuen Ort
Früher dachte ich, ein Sehnsuchtsort müsse weit entfernt sein. Heute weiß ich, dass er manchmal direkt vor mir liegt.
Unter einem Küchentisch.
Auf einem Hochbett.
In einer Hängeschaukel.
Zwischen den Seiten eines Buches.
Oder in einer Geschichte, die mich daran erinnert, dass Veränderung möglich ist.
Vielleicht brauchen wir nicht immer einen vollkommen neuen Ort. Vielleicht brauchen wir manchmal nur den Mut, unsere gewohnte Perspektive zu verlassen.
Uns auf den Boden zu legen, obwohl wir sonst immer stehen.
Nach oben zu klettern, obwohl wir die Welt sonst nur von unten sehen.
Eine Geschichte aufzuschlagen, obwohl unser Kopf behauptet, wir hätten gerade keine Zeit dafür.
Denn sobald sich unser Blick verändert, kann auch in uns etwas in Bewegung kommen.
Mein Sehnsuchtsort ist ein Gefühl
Mein Sehnsuchtsort hat deshalb keine feste Adresse.
Er ist überall dort, wo ich mich frei, unbeschwert und lebendig fühle. Wo der Zeitdruck verschwindet und meine Neugier zurückkehrt. Wo ich die Welt mit anderen Augen sehe und für einen Augenblick wieder zum Kind werde.
Es ist der Blick vom Berg ins Tal.
Der Blick von der Wiese in den Himmel.
Das Fliegen eines Greifvogels unter mir.
Das Rascheln der Blätter über meinem Kopf.
Das Eintauchen in eine Geschichte.
Dieses Gefühl sagt mir:
Hier darfst du loslassen.
Hier musst du nichts beweisen.
Hier bist du zu Hause.
Vielleicht ist ein Sehnsuchtsort am Ende gar nicht der Platz, zu dem wir fliehen möchten.
Vielleicht ist es der Ort, an dem wir wieder bei uns selbst ankommen.
Und wo findest du dieses Gefühl? Gibt es einen Ort, eine Tätigkeit oder eine Geschichte, bei der du den Alltag vergisst und dich vollkommen frei fühlst? Schreib es mir gern in die Kommentare.
Den Anstoß zu diesem Beitrag haben wir alle durch Judith Peters’ große Aktion „50+ Blogparaden im Sommer 2026“ bekommen – dabei bin ich über die Blogparaden „Das ist mein Sehnsuchts-/Kraftort“ von Birgit von FeWo Panorama und „Welcher Ort ist dein Kraftort?“ von Sadhana Kraus von Flower Power – Blühende Gärten gestolpert und wusste sofort: Dazu möchte ich etwas schreiben.


Liebe Sandra,
ich habe dieses Jahr meine ganz eigene Erfahrung mit dem Perspektivenwechsel gemacht , als ich zur Reha im Schwarzwald war und u.a. Waldbaden ausprobieren durfte. Vor allem schaue ich jetzt viel öfter mal nach oben statt nach unten und entdecke die Natur so auf eine ganz neue Weise.
Viele Grüße
Miriam