Manche Reisen beginnen nicht erst am Bahnhof.
Manche beginnen schon am Abend vorher, wenn du aus dem Fenster schaust und feststellst: Unser Grundstück ist praktisch zugemauert.
Baustellenbarken. Überall Baustellenbarken.
Die Bundesstraße bei Lübeck wird gemacht und ausgerechnet heute sollte geteert werden. Natürlich genau dann, wenn ich nicht einfach nur irgendwo hinfahren wollte, sondern zu Pfingsten in den Schwarzwald. Dort war ich mit meiner Schreibgruppe verabredet. Mit Edith, Walter und Lukas aus der Schweiz.

Edith Gould hat bereits Bücher veröffentlicht und schreibt Frauenromane mit Herz und Humor. Walter Uehli steht mit seiner Veröffentlichung in den Startlöchern. Lukas war ebenfalls dabei. Und ich freute mich auf das Wiedersehen, auf Gespräche übers Schreiben, auf Austausch, auf diese besondere Energie, die entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, die dieselbe Leidenschaft teilen: Romane schreiben.
Ich stand also da, schaute auf diese Absperrungen und spürte schon dieses unangenehme Kribbeln im Bauch.
Nicht die schöne Aufregung. Nicht dieses „Oh, ein neues Abenteuer beginnt“-Gefühl.
Bitte lass mich morgen einfach pünktlich loskommen.
Denn wenn ich eines nicht mag, dann ist es zu spät kommen. Besonders nicht, wenn Anschlüsse warten. Wenn Menschen warten. Wenn eine Lesung wartet.
Wenn die Hinreise zur ersten Prüfung wird
Rückreisen sind für mich meistens nicht so schlimm. Da darf auch mal etwas schiefgehen. Da ist der Druck raus. Aber Hinreisen? Die fühlen sich für mich oft an wie eine kleine Prüfung.
Komme ich pünktlich los?
Klappt der Anschluss?
Bin ich rechtzeitig da?
Habe ich wirklich alles dabei?
An diesem Morgen war ich sowieso schon unruhig.
Die Baustelle vor der Haustür hatte meine Gedanken bereits am Abend vorher in Bewegung gesetzt. Und zusätzlich lief im Hintergrund noch eine andere Sorge mit: meine Regel.
Vielleicht kennst du das auch. Du bist unterwegs, willst funktionieren, willst ankommen, willst dich auf das freuen, was vor dir liegt. Und gleichzeitig hast du diesen kleinen Angstgedanken im Kopf:
Bitte kein Malheur. Nicht heute. Nicht auf dieser Reise.
Bis dahin ging alles gut. Zum Glück. Aber die Anspannung blieb.
Sieben Stunden später: zwei Stunden Verspätung
Was dann folgte, war eine dieser Bahnreisen, bei denen du irgendwann aufhörst, ständig auf die Uhr zu schauen, weil es sowieso nichts ändert.
Aus einer normalen Reise wurde ein Hindernisparcours. Zugverspätung. Warten. Umdenken. Weiter hoffen. Am Ende kam ich tatsächlich zwei Stunden später an meinem Reiseort an.
Zwei Stunden.
Ärgerlich? Ja.
Stressig? Auf jeden Fall.
Katastrophe? Zum Glück nicht.
Denn meine Lesung war erst um 19 Uhr und nicht schon um 18 Uhr. Das hat mich gerettet. Trotzdem war ich innerlich längst im „schnell, schnell, schnell“-Modus.
Ich kam an, hetzte den Berg hoch, völlig außer Atem und verschwitzt. Kurz unter die Dusche. Neue Sachen an. Einmal durchatmen. Dann meine Lesungsmaterialien zusammenpacken.
Und genau in diesem Moment kam der nächste Schreck.
Der Karton mit den Lesezeichen
Meine Lesezeichen waren nicht da. Nicht in der Tasche. Nicht zwischen den Unterlagen. Nicht bei den Büchern. Nicht irgendwo versteckt.
Sie waren zu Hause geblieben.
Ich glaube, in diesem Moment habe ich einfach nur gedacht:
Das ist nicht mein Tag.
Das Verrückte war: Ich hatte sogar die Buchstützen dabei, die ich gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Aber ausgerechnet die Lesezeichen, die ich verteilen wollte, fehlten.
Warum? Weil sie in einem Karton waren. In einem unscheinbaren Karton. Einer von diesen Dingen, die man sieht und trotzdem nicht richtig wahrnimmt. Weil sie nicht laut genug „Ich bin wichtig!“ rufen.

Und genau da lag meine Lektion. Ich hatte die Sachen zwar vorbereitet. Aber nicht rechtzeitig in den offenen Koffer gelegt. Sie standen noch irgendwo daneben. Auf einem Haufen. In einem Karton. In dieser gefährlichen Zwischenzone zwischen „ist schon fast gepackt“ und „liegt am Ende doch noch zu Hause“.
Vielleicht kennst du diese Zone auch. Das ist der Ort, an dem Kleinigkeiten verschwinden. Ladekabel. Kopfhörer. Schlüssel. Notizzettel. Lieblingslippenstift. Oder eben ein Karton voller Lesezeichen. Ein Lesezeichen die ich extra mit partiellen UV-Lack erstellt hatte. Matte Lesezeichen mit glänzender Schrift.

Nicht alles, was wichtig ist, sieht wichtig aus
Ich habe an diesem Tag wieder gemerkt: Nicht alle wichtigen Dinge wirken wichtig. Manches sieht unscheinbar aus. Klein. Alltäglich. Ersetzbar.
Aber wenn es fehlt, merkst du plötzlich, welchen Platz es eigentlich hatte.
Meine Lesezeichen waren nicht einfach nur Papier. Sie waren ein Teil meines Auftritts. Ein kleines Stück meiner Buchwelt. Etwas, das Menschen mitnehmen können. Eine Erinnerung. Ein Mini-Tor zu meiner Geschichte.
Und trotzdem standen sie zu Hause.
Nicht, weil ich sie vergessen wollte.
Nicht, weil sie mir egal waren.
Sondern weil ich sie nicht konsequent an den Ort gelegt hatte, an dem alles gesammelt wird, was wirklich mit muss.
In den offenen Koffer.
Nicht daneben.
Nicht auf einen Stapel.
Nicht in einen Karton, den ich „gleich noch einpacke“.
Sondern direkt hinein.
Und dann? Weitermachen.
Für einen kurzen Moment war ich enttäuscht. Ich war genervt von der Reise. Genervt von der Verspätung. Genervt von mir selbst.
Aber die Lesung stand bevor. Und ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Also machte ich das, was ich in solchen Situationen immer wieder lernen darf: Ich machte das Beste daraus.
Ich nahm mein Story Book mit. Mein Dummy-Buch hatte ich zum Glück dabei. Auch meinen Bilderrahmen mit der Urkunde der Schreibschule packte ich ein.
Nicht alles war perfekt.
Aber es war genug.
Und vielleicht ist das manchmal die eigentliche Magie: nicht, dass alles glattläuft, sondern dass du trotzdem weitergehst.
Auch wenn du schwitzt.
Auch wenn du zu spät ankommst.
Auch wenn deine Lesezeichen fehlen.
Auch wenn du am liebsten kurz im Boden versinken würdest.
Du gehst trotzdem los.
Die Lesung wurde trotzdem schön

Und weißt du was? Die Veranstaltung war super. Nicht perfekt geplant. Nicht so, wie ich sie mir morgens vorgestellt hatte. Aber schön.
Aber fast noch wertvoller waren die Gespräche in den Pausen.

Dieses In-den-Austausch-Kommen. Mit Menschen über Bücher sprechen. Über Figuren. Über Ideen. Über den langen Weg von der ersten Romanidee bis zu dem Moment, in dem man vor anderen sitzt und daraus vorliest.
Eigentlich bin ich eher die Introvertierte aber diese Gespräche haben mich aufblühen lassen. Fragen beantworten und Wissen weitergeben hat mich innerlich wachsen lassen.
Schreiben passiert oft allein aber Geschichten schaffen Verbindungen. Mit Edith, Walter und Lukas war da dieses vertraute Gefühl: Wir wissen, wie viel Herz, Zweifel, Geduld und Durchhaltevermögen in einem Roman stecken.
Edith kennt den Weg der Veröffentlichung bereits. Walter steht kurz davor. Und ich bin auf meinem eigenen Weg mit meiner Urban-Fantasy-Welt. Jede und jeder von uns an einem anderen Punkt. Aber verbunden durch dieselbe Leidenschaft. Das war für mich einer der schönsten Teile dieses Wochenendes.

Danke an die Buchhandlung Hall
Ein besonderer Dank geht an die Buchhandlung Hall.
Sie hat uns drei Autorinnen und Autoren ermöglicht, vorzulesen, obwohl zwei von uns noch kein fertiges Buch zum Verkaufen dabeihatten. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade für Autorinnen und Autoren, die noch auf dem Weg zur Veröffentlichung sind, bedeutet so eine Möglichkeit unglaublich viel. Denn eine Lesung ist nicht nur ein Verkaufsort.
Sie ist ein Erfahrungsraum.
Ein Mutmoment.
Ein Schritt nach draußen.
Ein erstes Teilen dessen, woran man so lange im Stillen gearbeitet hat.
Und genau deshalb war dieser Abend für mich so wertvoll.
Meine eigentliche Zielgruppe war zwar nicht wirklich vertreten. Trotzdem konnte ich eine ältere, fitte, junge Dame für mein Buch begeistern. Sie war interessiert, offen und neugierig. Und wahrscheinlich hat sie sich am Abend sogar in meinen Newsletter eingetragen. Darüber habe ich mich wirklich gefreut.
Denn manchmal reicht ein Mensch, der ehrlich interessiert ist, um zu spüren: Es lohnt sich.
Sekt, Brotplatte und ein versöhnlicher Abschluss
Zum Abschluss gab es als Dank noch einen Sekt.
Und später, um 21 Uhr, machte uns das Hotel mit einer Brotplatte eine große Freude.
Nach diesem langen Tag fühlte sich das fast wie ein kleines Happy End an.
Vielleicht sind es manchmal genau diese Momente, die bleiben. Nicht die Pannen allein. Sondern das, was daraus entsteht.
Die Gespräche.
Die Begegnungen.
Der Humor danach.
Das gemeinsame Anstoßen.
Das Gefühl: Wir haben es trotzdem gemacht.

Meine wichtigste Erkenntnis
Diese Reise hat mich etwas sehr Praktisches gelehrt:
Beim nächsten Mal kommen die Lesezeichen sofort in den offenen Koffer. Nicht auf einen Haufen. Nicht in einen Karton daneben. Nicht an einen Ort, an dem ich denke: „Das sehe ich ja.“ Nein. Direkt hinein.
Aber sie hat mich auch an etwas Größeres erinnert:
Wichtige Dinge brauchen einen sichtbaren Platz. Nicht nur im Gepäck. Auch im Leben. Wenn uns etwas wirklich am Herzen liegt, sollten wir es nicht irgendwo auf später verschieben. Wir sollten es bewusst mitnehmen.
Unsere Träume.
Unsere Geschichten.
Unsere Ideen.
Unseren Mut.
Denn manchmal sieht das Wichtigste ganz unscheinbar aus. Wie ein kleiner Karton mit Lesezeichen. Und trotzdem gehört es mit auf die Reise.
Fazit: Es war nicht mein perfekter Tag. Aber er war trotzdem einzigartig
Diese Reise in den Schwarzwald war nicht perfekt.
Sie begann mit Baustellenbarken, brachte mir zwei Stunden Bahnverspätung, eine Menge innere Unruhe und einen vergessenen Karton Lesezeichen.
Aber sie brachte mir auch eine schöne Lesung.
Wertvolle Gespräche.
Zeit mit meiner Schreibgruppe.
Eine Buchhandlung, die uns eine Bühne gegeben hat.
Einen Sekt zum Abschluss.
Und die Erinnerung daran, warum ich schreibe.
Weil Geschichten verbinden.
Weil sie Mut machen können.
Weil sie manchmal genau dann entstehen oder wachsen, wenn nicht alles glattläuft.
Und beim nächsten Mal?
Da liegen die Lesezeichen im offenen Koffer.
Ganz sicher.
Hast du auch schon einmal etwas Kleines vergessen, das am Ende viel wichtiger war, als es aussah?
Oder kennst du dieses Gefühl, dass eine Reise schon chaotisch beginnt und am Ende trotzdem etwas Schönes daraus entsteht?
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