Kann ich aus einem unfertigen Roman vorlesen?

von | Juli 29, 2026 | Emotionen, Selbstfindung & Mut neue Wege zu gehen | 1 Kommentar

Kann man aus einem Buch vorlesen, das noch gar nicht fertig ist?

Ich habe es getan.

Mein Urban-Fantasy-Roman war noch nicht veröffentlicht. Mehr noch: Er stand erst am Anfang der Überarbeitung. Es gab kein fertiges Buch, das ich nach der Lesung hätte verkaufen oder signieren können. Keine endgültige Version, hinter der ich selbstbewusst einen Haken setzen konnte.

Und trotzdem stand ich vor Publikum und las aus meiner Geschichte vor.

Rückblickend war das einer meiner bisher mutigsten Momente als Autorin.

Mit diesem Artikel beteilige ich mich an der Blogparade „Das waren meine mutigsten Momente als Autor“ von Christine Storck. Christine fragt darin nach den lauten und leisen Momenten, in denen wir als Schreibende gezweifelt, gezittert und uns am Ende trotzdem getraut haben.

Bei mir war es nicht die Veröffentlichung eines fertigen Romans. Es war der Schritt davor: mit etwas sichtbar zu werden, das noch mitten im Entstehungsprozess steckte.

Plötzlich war da diese Einladung

Als ich die Möglichkeit zu meiner ersten Lesung bekam, war meine erste Reaktion nicht nur Begeisterung.

Natürlich freute ich mich. Eine Lesung ist schließlich etwas, von dem viele Autorinnen und Autoren träumen. Die eigene Geschichte verlässt den Schreibtisch. Die Figuren existieren nicht mehr nur im eigenen Kopf oder auf dem Bildschirm. Andere Menschen hören zu und tauchen für einen Moment in die Welt ein, die man erschaffen hat.

Doch beinahe gleichzeitig meldeten sich meine Zweifel.

Darf ich überhaupt schon lesen, wenn mein Roman noch nicht fertig überarbeitet ist?

Was, wenn der Text noch nicht gut genug ist?

Was, wenn mir während der Lesung plötzlich auffällt, dass eine Szene nicht funktioniert?

Und was würde ich den Menschen zeigen, wenn ich noch kein gedrucktes Buch vorweisen konnte?

In meiner Schreibgruppe gab es Autorinnen und Autoren, die bereits Bücher veröffentlicht hatten. Ich dagegen befand mich noch mitten auf dem Weg. Die Rohfassung war zwar geschrieben, doch die Überarbeitung lag noch vor mir.

Es fühlte sich an, als sollte ich auf eine Bühne treten, bevor ich überhaupt bereit dafür war.


Warum diese Lesung so viel Mut brauchte

Von außen betrachtet war es vielleicht „nur“ eine Lesung.

Für mich bedeutete sie jedoch viel mehr.

Solange eine Geschichte auf dem eigenen Computer liegt, ist sie geschützt. Ich kann Sätze verändern, Kapitel verschieben und Szenen streichen. Niemand sieht die unfertigen Stellen. Niemand hört, wo ich noch unsicher bin.

Eine Lesung verändert das.

Plötzlich bekommen die Worte eine Stimme. Die Geschichte wird öffentlich. Menschen reagieren darauf – vielleicht mit Begeisterung, vielleicht mit Fragen und möglicherweise auch mit Kritik.

Ich konnte mich nicht länger hinter dem Satz verstecken:

„Mein Buch ist ja noch nicht fertig.“

Ich musste mich entscheiden, ob ich meiner Geschichte schon jetzt zutraute, Menschen zu erreichen.

Genau darin lag für mich der eigentliche Mut: nicht darin, mich vollkommen sicher zu fühlen, sondern darin, mich trotz meiner Unsicherheit zu zeigen.


Mein Ja war ein längerer innerer Prozess

Mein mutigster Moment war deshalb nicht nur der Augenblick, in dem ich vor dem Publikum stand.

Er begann bereits mit meiner Zusage.

Zwischen der Einladung und der Lesung lagen viele kleine Entscheidungen. Immer wieder hätte ich mir sagen können, dass der Zeitpunkt noch nicht richtig sei. Dass mein Manuskript zuerst vollständig überarbeitet werden müsse. Dass ich ein professionell gedrucktes Buch, ein endgültiges Cover und perfekt vorbereitete Werbematerialien bräuchte.

Doch wahrscheinlich gibt es diesen vollkommen richtigen Zeitpunkt gar nicht.

Vielleicht hätte ich auch nach der nächsten Überarbeitungsrunde noch einen Grund gefunden, zu warten. Danach hätte das Lektorat gefehlt. Anschließend das endgültige Cover. Dann der Buchsatz. Und selbst nach der Veröffentlichung hätte ich vermutlich noch etwas entdeckt, das nicht perfekt gewesen wäre.

Also sagte ich zu.

Nicht, weil meine Zweifel verschwunden waren.

Sondern weil ich beschlossen hatte, dass sie nicht allein über meinen nächsten Schritt entscheiden sollten.


Zwischen Cover, Lesezeichen und Überarbeitung

Mit meiner Zusage begann eine intensive Vorbereitungszeit.

Ich überarbeitete den Anfang meines Romans und prüfte, welche Szenen sich für die Lesung eigneten. Ein Text, der sich still gut lesen lässt, funktioniert schließlich nicht automatisch genauso gut, wenn er laut vorgetragen wird.

Beim Vorlesen merkte ich, an welchen Stellen Sätze zu lang waren, wo der Rhythmus stockte und welche Informationen das Publikum brauchte, um ohne Vorkenntnisse in die Geschichte einzutauchen.

Gleichzeitig kümmerte ich mich um alles, was rund um eine Lesung dazugehört.

Ich arbeitete an meinem Cover, gestaltete Lesezeichen und bereitete ein vorläufiges Buchexemplar für die Bühne vor. Obwohl mein Roman noch nicht veröffentlicht war, sollte er für diesen Abend ein sichtbares Gesicht bekommen.

Diese Vorbereitungen machten die Lesung plötzlich real.

Aus einem Textdokument wurde etwas, das ich in den Händen halten konnte. Aus einem privaten Schreibprojekt wurde eine Geschichte, die bald andere Menschen hören würden.

Über die Vorbereitungen zwischen Covergestaltung, Lesezeichen, Manuskript und Marketing habe ich bereits ausführlicher in meinem Artikel „Vom Cover bis zur Lesung: Was hinter den Kulissen gerade wirklich los ist“ geschrieben.


Aufregung, Angst, Stolz – alles auf einmal

Was habe ich vor der Lesung gefühlt?

Wahrscheinlich alles, was Christine in ihren Leitfragen aufzählt: Aufregung, Angst und Stolz.

Da war die Vorfreude darauf, meine Geschichte zum ersten Mal mit einem Publikum zu teilen. Gleichzeitig hatte ich Angst, mich zu verlesen, den Faden zu verlieren oder nicht überzeugend genug aufzutreten.

Hinzu kam die Unsicherheit, mit einem unveröffentlichten Buch auf der Bühne zu stehen.

Was würden die Menschen davon halten?

Würde die Geschichte auch dann funktionieren, wenn sie nur einen Ausschnitt daraus hörten?

Konnte ich als Autorin glaubwürdig auftreten, obwohl mein Buch noch nicht fertig war?

Und dennoch war da auch Stolz.

Ich hatte einen Roman geschrieben. Eine ganze Urban-Fantasy-Welt war entstanden – mit Figuren, Konflikten, Zweifeln, Gefahren und Entscheidungen. Diese Geschichte war noch nicht fertig überarbeitet, aber sie existierte.

An diesem Abend gab ich ihr zum ersten Mal meine Stimme.


Und dann kam das echte Leben dazwischen

Natürlich lief nicht alles so reibungslos, wie ich es mir während der Vorbereitung vorgestellt hatte.

Schon die Anreise wurde durch eine lange Zugverspätung auf die Probe gestellt. Ausgerechnet an einem Tag, an dem ich ohnehin aufgeregt war und am liebsten alles unter Kontrolle gehabt hätte, erinnerte mich das Leben daran, dass Pläne keine Garantien sind.

Auch die Lesezeichen, die ich vorbereitet hatte, waren am Ende nicht dort, wo sie sein sollten.

Dazu kamen kleine Fehler und Momente, die in meiner Vorstellung vorher anders ausgesehen hatten.

Früher hätte mich so etwas wahrscheinlich lange beschäftigt. Vielleicht hätte ich darin sogar einen Beweis gesehen, dass ich noch nicht bereit gewesen war.

Heute sehe ich es anders.

Die vergessenen Dinge und kleinen Fehler haben die Lesung nicht wertlos gemacht. Sie haben mir gezeigt, welche Abläufe ich beim nächsten Mal verbessern kann. Vor allem haben sie mir gezeigt, dass ein besonderer Moment nicht perfekt sein muss, um wichtig zu sein.

Meine Erkenntnisse aus diesen kleinen Pannen habe ich in meinem Rückblick „Kleine Fehler, große Erkenntnisse: Was mir diese Lesereise gezeigt hat“ gesammelt.


Wer oder was hat mir den Mut gegeben?

Es gab nicht diesen einen magischen Moment, in dem plötzlich jede Angst verschwunden war.

Mein Mut entstand aus mehreren kleinen Dingen.

Da war zunächst die Einladung selbst. Jemand traute mir zu, aus meiner Geschichte vorzulesen. Manchmal erkennen andere bereits etwas in uns, das wir selbst noch anzweifeln.

Auch meine bisherige Arbeit gab mir Mut. Ich hatte viele Stunden mit meiner Geschichte verbracht. Ich kannte meine Figuren, ihre Ängste und ihre Hoffnungen. Ich wusste, warum ich diesen Roman schreiben wollte.

Und vielleicht gaben mir auch meine eigenen Figuren ein wenig Mut.

In meinen Geschichten geht es um Menschen, die nicht von Anfang an wissen, wie alles funktioniert. Sie zweifeln, machen Fehler und geraten an ihre Grenzen. Trotzdem müssen sie Entscheidungen treffen und ihren Weg weitergehen.

Wie glaubwürdig wäre es gewesen, über Mut und Selbstfindung zu schreiben, während ich selbst darauf wartete, mich irgendwann vollkommen bereit zu fühlen?

Also versuchte ich, das zu tun, was auch meine Figuren lernen müssen:

den nächsten Schritt zu gehen, obwohl noch nicht der gesamte Weg vor mir lag.


Was die Lesung für meinen Weg verändert hat

Durch die Lesung wurde mein Roman für mich noch einmal auf eine andere Weise real.

Bis dahin kannte ich ihn vor allem als Manuskript, als Baustelle und als eine lange Liste von Aufgaben. Ich sah die Stellen, die ich überarbeiten musste, die offenen Fragen und all das, was noch fehlte.

Auf der Bühne erinnerte ich mich daran, warum ich diese Geschichte überhaupt schreibe.

Geschichten entstehen nicht nur, damit wir sie endlos überarbeiten. Sie entstehen, um erzählt, gehört und gelesen zu werden.

Die Lesung hat mir gezeigt, dass ich mich nicht erst nach der Veröffentlichung als Autorin bezeichnen darf. Ich bin nicht erst dann Autorin, wenn ein fertiges Buch in einem Regal steht.

Ich bin es auch während der Überarbeitung.

Ich bin es, wenn ich an einer Szene zweifle.

Ich bin es, wenn ich ein Cover verwerfe und neu beginne.

Ich bin es, wenn ich mit klopfendem Herzen aus einem unfertigen Manuskript vorlese.

Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf meinen eigenen Weg verändert. Ich muss nicht auf einen fernen Tag warten, an dem plötzlich alles abgeschlossen ist. Ich darf die einzelnen Etappen bereits jetzt wahrnehmen und feiern.


Würde ich es noch einmal genauso machen?

Ja, ich würde wieder aus einem noch unveröffentlichten Buch lesen.

Ich würde nicht warten, bis jedes Detail perfekt ist. Denn gerade diese Lesung hat mir gezeigt, wie wertvoll es sein kann, eine Geschichte schon während ihrer Entstehung mit anderen Menschen zu teilen.

Einige Dinge würde ich beim nächsten Mal allerdings anders organisieren.

Ich würde meine Materialien früher zusammenpacken und mit einer festen Checkliste arbeiten. Ich würde mehr zeitlichen Puffer für die Anreise einplanen und kurz vor dem Aufbruch noch einmal prüfen, ob wirklich alles dabei ist.

Auch meine Lesepassagen würde ich noch häufiger laut proben. Nicht nur, um sicherer vorzutragen, sondern auch, weil das laute Lesen Schwächen sichtbar macht, die beim stillen Lesen leicht übersehen werden.

Ich würde also nicht weniger mutig sein.

Ich würde meinen Mut lediglich mit etwas mehr Erfahrung und Organisation verbinden.


Mut bedeutet für mich heute nicht mehr, keine Angst zu haben

Früher dachte ich bei mutigen Menschen oft an Personen, die selbstbewusst auftreten, schnelle Entscheidungen treffen und scheinbar keine Zweifel kennen.

Heute glaube ich, dass Mut häufig viel leiser ist.

Mut kann bedeuten, eine Einladung anzunehmen, obwohl man sich noch nicht bereit fühlt.

Mut kann bedeuten, einen unfertigen Text mit anderen zu teilen.

Mut kann bedeuten, nach einer Zugverspätung nicht in Panik zu geraten.

Mut kann bedeuten, über vergessene Lesezeichen und kleine Fehler zu sprechen, anstatt sie zu verstecken.

Und Mut kann bedeuten, sich selbst als Autorin ernst zu nehmen, lange bevor das erste eigene Buch veröffentlicht ist.

Meine erste Lesung war nicht perfekt.

Aber sie war echt.

Ich war aufgeregt, unsicher, stolz und wahrscheinlich ein wenig überwältigt. Trotzdem stand ich dort und las meine Geschichte vor.

Genau deshalb gehört dieser Abend zu meinen bisher mutigsten Momenten als Autorin.

Nicht weil ich keine Angst hatte.

Sondern weil ich es trotzdem gemacht habe.


Welcher mutige Schritt wartet auf dich?

Vielleicht gibt es auch in deinem Leben etwas, das du immer wieder auf später verschiebst.

Ein Projekt, das noch nicht vollkommen ausgearbeitet ist. Eine Idee, über die du noch nicht sprechen möchtest. Eine Geschichte, die bisher nur du kennst. Oder einen nächsten Schritt, für den du dich noch nicht bereit fühlst.

Dann möchte ich dir eine Erkenntnis aus meiner Lesung mitgeben:

Du musst nicht fertig sein, um anzufangen.

Du musst nicht vollkommen sicher sein, um sichtbar zu werden.

Und du musst keine perfekte Heldin sein, um deinen nächsten mutigen Schritt zu gehen.

Welcher Moment hat dich zuletzt Mut gekostet? Und was hast du getan, obwohl du gezweifelt hast?

Erzähl mir davon in den Kommentaren.


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Über mich

Sandra Schwertfeger schaut in die Kamera

Hi, ich bin Sandra 🖐

Urban-Fantasy-Autorin aus Lübeck. In meinen Geschichten treffen Magie und Realität aufeinander – mit Themen wie Zweifel, Liebe, Identität und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Du steckst mitten in Veränderungen und Zweifeln? Du hast Träume, aber die Erwartungen von außen halten dich zurück? Dann tauche in meine Welt ein. Entdecke deine innere Kraft und spüre, dass mehr in dir steckt als du ahnst.

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1 Kommentar

  1. Christine Storck

    Liebe Sandra, das ist so cool von dir, noch vor der Veröffentlichung zu lesen! Hut ab! Und dass ausgerechnet der Zug noch an diesem Tag Verspätung hatte … da wollte das Universum wohl wissen, ob du es wirklich willst 😉 Die Lesung war sicher eine tolle Erfahrung, die dir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Danke dir für diese persönliche Mut-Geschichte. Liebe Grüße, Christine

    Antworten

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